Der (nicht ganz) richtige Ton

Die Hände zu Fäusten verkrampft saß Lea auf ihrem Balkon und knirschte mit den Zähnen. Jahrelang hatte sie sich auf den Moment gefreut, endlich ihren persönlichen kleinen Außenbereich zu haben. Eine Oase inmitten der Stadt. Einen Ruhepol. Einen Rückzugsort. Ihre bisherigen Unterkünfte waren leider nicht imstande gewesen, ihr diesen Luxus zu bieten. Beziehungsweise, sie war bislang nicht imstande gewesen, sich diesen Luxus zu leisten.
Aber die vergangenen Monate hatten es beruflich gut mit ihr gemeint.
TonDer richtige Zeitpunkt, sich Wünsche zu erfüllen. Wenn nicht jetzt, wann sonst?!
Vier Besichtigungen, einen Umzug und reichlich Renovierungsarbeiten später nannte sie tatsächlich eine Drei-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung mit Balkon ihr Eigen. Nicht ganz billig die Miete, doch erschwinglich.
Herrlich … Eigentlich …

 

Uneigentlich ertrug sie es kaum länger als eine Viertelstunde in ihrer »Oase«. An ihrem »Ruhepol«. Ihrem »Rückzugsort«. Dann bekam sie hämmernde Kopfschmerzen und das Bedürfnis, frontal gegen eine Mauer zu rennen.
Sie stand auf und krallte sich am Geländer fest.
Verdammt, sie hatte ja keinen Hort absoluter Stille oder dergleichen erwartet. Da war sie durchaus realistisch. Sie lebte in der Stadt und nicht auf dem Land; ergo musste man gewisse Abstriche in puncto Idylle halt in Kauf nehmen. Etwas Krach zur Linken, ein wenig Gepolter zur Rechten und eine Prise Lärm dazwischen.
Dass hier allerdings die Autos im Sekundentakt vorbeidonnerten … scheiße nein, damit hatte sie nicht gerechnet. Noch dazu in einer Seitenstraße. Mit Bäumen, grünen Hecken und allem, was dazugehörte.
Sie schluckte Tränen der Wut hinunter. Warum zum Teufel war ihr das vorher nicht aufgefallen?

 

Wieder rauschte ein Wagen vorbei.
Lea funkelte ihm wütend hinterher und schmeckte bittere Magensäure aufsteigen. Sie spuckte über die Balustrade. Befreiend. Aber dieses mickerige Zeichen des Protests reichte ihr diesmal nicht. In dem Dröhnen des Toyotas ballte sich mit einem Mal all ihre Frustration zusammen. All ihre Enttäuschung, ihr Zorn und ihre Hilflosigkeit.
Sie öffnete den Mund.
Weit hinten in ihrem Rachen formte sich ein Schrei.
Er brannte an ihrem Zäpfchen und klopfte hart gegen ihren Kehlkopf. Wie eine dichte Gaswolke. Rasch wurde er kompakter, drehte sich um die eigene Ache und entlud sich schließlich mit gewaltigem Druck in die Freiheit. Ja, er explodierte schier auf ihrer Zunge und schoss durch ihre Zähne, als wäre er von einem Katapult abgefeuert worden.
Als er auf den Toyota traf, schleuderte er ihn vom Asphalt und brachte ihn dazu, sich mehrmals zu überschlagen. Die Straße selbst riss auf wie bei einem Erbeben. Bäume knickten um und Straßenschilder verbogen sich zu metallenen Strohhalmen.
Lärm. Krach. Chaos.
Dann endlich herrschte Stille.
Die Welt verstummte.
Ob tatsächlich oder nur in ihrem Kopf konnte Lea nicht sagen. Ihre Finger spürten einen dünnen Blutfluss aus ihren Ohren perlen. Vermutlich waren ihre Trommelfelle gerissen.
Mit einem Lächeln setzte sie sich auf den Stuhl und streckte die Beine auf dem Geländer aus.
Herrlich …

 

Daniela Herbst 30/01/2015 No Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.