Der junge Mann und der Tod

An einem Ort, der überall sein könnte, zu einer Zeit zwischen gestern und morgen …

 

… saß ein alter Mann bei einem jungen am Bett und hielt dessen Hand. Der junge Mann war schon seit langem krank. Er litt große Schmerzen und das Atmen fiel ihm schwer. Der Tod klopfte laut und unnachgiebig an seine Tür. Bald würde er ihn wohl mit sich nehmen.
Dabei wollte der junge Mann noch so vieles erleben. So vieles tun und fühlen. Hatte er doch bisher kaum etwas von der Welt gesehen und eben erst die Liebe kennengelernt. Er war nicht bereit, zu gehen. Nein, er klammerte sich mit aller Macht an den letzten Rest Leben, der in seinem Körper steckte.
Der alte Mann versuchte, ihm in seiner Trauer Trost zu spenden und in seiner Wut ein Ruhepol zu sein. Jeden Tag kam er zu ihm, las ihm vor oder unterhielt sich stundenlang mit ihm. Manchmal sahen sie auch nur gemeinsam schweigend aus dem Fenster.

 

»Ich fürchte mich«, sagte der junge Mann eines Tages unvermittelt.
»Wovor?« Der Alte runzelte die Stirn und legte das Buch beiseite, aus dem sie eben gelesen hatten.
»Vor dem Tod«, flüsterte dieser, als besäße allein das Wort eine gefährliche Macht.
»Dazu besteht kein Grund.«
»Woher willst du das wissen? Du bist doch noch nie gestorben.«
»Das ist wohl wahr«, gab der Alte zu, »aber vor Jahr und Tag war ich für einen kurzen Moment auf der anderen Seite.«
Stille senkte sich über das Zimmer und ein Sonnenstrahl ließ Staubkörnchen in seinem Licht tanzen. Dann erlosch er. Hörte einfach auf zu existieren und gewährte dem Schatten einer Wolke Raum.
»Wie ist es dort drüben?«
»Wunderbar.« Ein Lächeln legte sich auf das Gesicht des alten Mannes. »Das Jenseits ist der schönste und friedlichste Ort, den du dir vorstellen kannst. Ein Paradies voll Harmonie und Glückseligkeit, wo deine Seele sich frei von jeder Beschränkung entfalten darf.«
Der junge Mann nickte, doch auf seinem Gesicht lag kein Lächeln, sondern der Schatten des Zweifels.
»Was ist mit dir?«, wollte der Alte wissen.
»Ich glaube du belügst mich, um mir die Angst zu nehmen.«
»Wieso denkst du das?«
»Weil du mir erzählst, was ich hören will.«
Der Alte verfiel in Grübeln.

 

»Du glaubst ich lüge. Dann beantworte mir eine Frage«, meinte er schließlich und sah dem jungen Mann fest in die Augen. »Ein jedes Lebewesen auf dieser Welt muss irgendwann sterben. Sterben ist also im Grunde wie geboren werden, atmen oder schlafen. Findest du es da nicht unlogisch, dass die Natur es so eingerichtet hat, dass wir Menschen uns vor dem Tod fürchten?«
»Ein wenig …«
»Nicht wahr? Gut, beantworte mir eine zweite Frage«, verlangte der Alte. »Wir haben vor allem deshalb Angst vor dem Tod, weil wir nicht wissen, was danach auf uns wartet. Wenn das Schicksal das Leben geschaffen hat und den Tod und obendrein den Menschen samt seiner Fähigkeit zu denken – erscheint es da nicht furchtbar unfair von ihm, uns im Ungewissen zu lassen?«
»Ja, irgendwie schon …«
»Nun beantworte mir eine dritte und letzte Frage: Glaubst du tatsächlich, das Schicksal würde absichtlich mit unserer Angst spielen? Aus Boshaftigkeit oder gar Vergnügen? Hältst du es wirklich für derart grausam? Oder glaubst du nicht eher, es hat einen guten Grund, uns den Blick zu verwehren?«
Darüber musste der junge Mann ernstlich nachdenken. Stillschweigend sah er zum Fenster hinaus und machte sich seine Erwiderung nicht leicht. Denn das wäre dem Alten gegenüber nicht gerecht gewesen.
»Du antwortest nicht?«
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, meinte der junge Mann traurig. »Ich glaube nicht, dass das Schicksal absichtlich grausam ist. Aber mir fällt auch kein guter Grund ein, warum ich die Ungewissheit ertragen muss.«
Der Alte nickte verständnisvoll.
Offenbar wunderte ihn die Reaktion des jungen Mannes nicht sonderlich. Vielleicht weil er irgendwann einmal ähnlich gedacht hatte. Bevor ihm ein kurzer Blick hinter den Vorhang gewährt worden war. In jenen zwei Minuten, da der Tod ihn umarmte und doch wieder hatte ziehen lassen.

 

»Ich werde dir verraten, weshalb das Schicksal, dich im Dunkeln lässt.« Der Alte seufzte tief. »Es hat keine andere Wahl. Denn die Menschen sind eben allzu menschlich.«
»Das verstehe ich nicht«, sagte der junge Mann.
»Nun, vor Urzeiten als alle um die Herrlichkeit des Paradieses wussten, befiel sie ein gefährlicher wenngleich verständlicher Wunsch: Sie wollten so schnell wie möglich dorthin gelangen. Und weil bis heute der Tod der einzige Weg ins Jenseits ist, hörten sie schlicht auf, zu leben. Sie aßen nicht mehr, tranken nicht, bewegten sich nicht, zeugten keine Kinder und behandelten ihre Körper nicht gut. Die Menschheit drohte auszusterben. Also belegte sie das Schicksal mit der gesegneten Bürde des Vergessens – und die kommenden Generationen mit Unwissenheit. Allein wir, die wir einmal über die Grenze gegangen und zurückgekehrt sind, gehören heute zu den wenigen Auserwählten, die um das Geheimnis wissen. Doch es weiterzutragen würde kaum etwas bringen, zu gewaltig ist die Angst der Menschen, als dass sie uns glauben könnten. Einzig in den letzten Minuten vor dem großen Übertritt, schenkt man uns Gehör.«
Das Sonnenlicht war verblasst und der Abend warf sein weiches Halbdunkel ins Zimmer.
»Du siehst also, du musst dich nicht fürchten«, wisperte der alte Mann unter Tränen und strich seinem Sohn sanft übers Haar.
Dieser hatte für immer die Augen geschlossen. Auf seinem Gesicht lagen ein leichtes Lächeln und der Frieden des Wissenden.

 

Daniela Herbst 06/12/2017 No Comments

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