Der Hölle Abgesandter

Ein Kapitel aus einer Geschichte, die nie geschrieben wurde …

Ich heiße Veit und ich bin verdammt.
Und alles, weil ich unbedingt in den Krieg ziehen wollte.
Heute kommen mir diese Gedanken fern und dumm vor, aber damals hielt ich die Vorstellung für wahnsinnig heroisch und abenteuerlich. Ich war ein Niemand und plötzlich sollte ich in glorreichen Schlachten die Reihen der Feinde zerschlagen und der Zeit meinen Namen eingravieren. Seite an Seite mit meinen Kameraden im Dienst für das Vaterland.
Verflucht, welch Narr ich war! Jung und naiv und dem Irrglauben verfallen, mit der Hand an der Waffe Ruhm erringen zu können!
Doch wer wollte mir die Blindheit anlasten? Meine Welt hatte bis dato aus Leutenzell und den wenigen Nachbargemeinden bestanden. Ich wusste nicht um ihre Weite oder die Herausforderungen, denen man dort draußen begegnete. Ich sah lediglich die Chance, aus dieser Enge auszubrechen. Der Krieg öffnete mir das Tor und befriedigte meinen schwelenden Eifer, mich als Mann zu beweisen.

 

Männlichkeit. Lächerlich, trotzdem durchströmte mich beim Verlassen unseres Hauses genau diese Empfindung.
Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Meine Eltern standen auf der Türschwelle. Mein Vater links. Meine Mutter rechts. Die Verabschiedung rückte immer näher und ich dachte ständig: Das nächste Mal, wenn ihr mich in die Arme schließt, werde ich ein Held sein. Nicht mehr der Stadler-Junge, der Bursche Veit oder der Sohn vom Joseph. Aufgeregt war ich und voller Ungeduld, endlich all die Dinge zu erleben, von denen ich ihnen später berichten würde. Als heimgekehrter Soldat und Verteidiger des Landes.

Und meine Eltern?
Meiner Mutter rannen Tränen übers Gesicht und sie zitterte, während sie meine Wange streichelte und schier unverständliche Worte murmelte. Mein Vater drückte mir stolz die Schulter und sagte: »Komm mir ja heil nach Hause.« Dann verweilten sie nebeneinander auf der Schwelle, bis der Hof endgültig aus meinem Sichtfeld verschwunden war.
Es war eine regelrechte Euphorie, die mich packte – eine, die ich rückblickend kaum verstehen und noch viel weniger erklären kann. Denn um ihr einen Sinn zu verleihen, hätte ich darauf aus sein müssen, zu töten. Aber das war ich nicht. Auch gierte ich nicht nach dem Nervenkitzel des Schützengrabens oder der Kugel, die an meinem Ohr vorbeizischte.
Davon abgesehen, dass ich die wahre Bedeutung dieser Dinge erst weit später wirklich begriff, erwiesen sich meine Wünsche als wesentlich abstrakter: Ich wollte schlicht ein Teil des großen Ganzen sein. Mitglied der Gesellschaft, die sich nicht länger aus dem Kramhöller Martin, dem Stadler-Burschen und dem Sohn vom Wirt zusammensetzte, sondern die als geschlossene Faust vorrückte. Die uns zu Kämpfern anstelle von Untertanen machte. Zu Waffenbrüdern nicht bloß zu Freunden. Zu einer Familie in Ehre und Vaterlandsliebe. Zur Armee.

 

Dummes Geschwätz eines dummen Jungen!
Trotzdem hielt ich verdammt lange daran fest. Wochen und Monate hat mich diese Anschauung durch Lothringen und unsere Scharmützel getragen. Hat mich die Realität ausblenden lassen, indem ich mir einredete, eine bedeutende Rolle im Gefüge zu spielen. Dass jede Kugel, die den Feind traf, einem höheren Ziel diene und mir jede Stunde im Dreck des Schützengrabens vergolten werde.

Es ist faszinierend, zu welchen Leistungen der Geist fähig sein kann, wenn die Situation es gebietet. Selbst Verbrechen wider die Natur hilft er dir schönzureden, sollte dein Überleben davon abhängen. Ja, auf den Schlachtfeldern Lothringens wandelte mein Innerstes Scheußlichkeiten in Normalität und wurde nichtsdestotrotz im Lärm der Waffen wie ein Fels durch einen Bachlauf ausgehöhlt.
Eine herrliche Metapher – und so treffend. Warum? Weil unser stärkster Feind die Zeit war. Die Wiederholungen und die Kontinuität, mit der die ewig gleichen Dinge auf die ewig gleiche Weise geschahen. Solange, bis deine Seele mit Gleichmut darauf antwortete.
Hallt die erste Granate noch zum Zerspringen in deinen Nervenfasern wider, vibriert die Zweite vielleicht nur mehr und kribbelt die zehnte. Treibt dir der erste Schrei eines verwundeten Kameraden eine fast schmerzhafte Gänsehaut über den Rücken, lernst du bald wegzuhören. Glaubst du beim ersten Mann, der durch deine Hand stirbt, die Tat für immer zentnerschwer als Last auf deinem Gewissen zu spüren, tötest du alsbald die Erinnerung gleich mit.
Irgendwann stellt sich eine beruhigende Mischung aus Idealismus und Gewohnheit ein. Das Schießen, Verteidigen, Ducken und Vorrücken gedeiht zum Tagwerk. Schlimm, beängstigend und anders – doch im Grunde auch bloß eine Arbeit, die getan werden muss, ehe man sich am Feuer eine Mahlzeit genehmigt.
Allein in den seltenen Momenten der Stille während schlafloser Stunden hörst du deine innere Stimme, die von Schuld und Sühne flüstert. Von gebrochenen Geboten und der Unchristlichkeit deiner Handlungen. In solchen Nächten dachte ich, ich sei in der Hölle und täte Satans Werk.
Dann kam Verdun. Und ich erkannte, dass ich erst den äußersten Ring der Flammen beschritten hatte.

 

Verdun … Gott, ich verabscheue den Klang dieses Namens.
Er schmeichelt sich an die Zunge und gleitet mit der Geschmeidigkeit von Milch darüber. Dabei sollte er dem Trommelfell Schmerzen bereiten, um den Ereignissen gerecht zu werden.

Eine Heimtücke der französischen Sprache.
Uns, die wir dort waren, kann sie freilich nicht täuschen. Wir wissen, dass dieser Ort – egal ob weich oder hart ausgesprochen – eine Folter für die Seele darstellte. Eine schwelende Glut, die dir die Menschlichkeit von den Knochen löst und dich nackt wieder in die Wüste spuckt.
Stunden über Stunden eines jeden Tages grollte der Himmel. Tausende Gewitter, die ihre Fracht ohne eine einzige Wolke entluden. Laut. Fordernd. Staubig. Oft konnte man nicht einmal die Hand vor Augen sehen, so dicht wehte der Qualm der Waffen und aufgespritzter Erde das Feld entlang.
Das war die Hölle – oder zumindest ihr wichtigster Vorposten!
Hatten wir in Lothringen noch dem Feind ernsthaft die Stirn geboten, gab es hier keinen Feind. Hier war er eine imaginäre Linie, hinter deren Grenze hunderte Geister Granaten abfeuerten und Gewehrsalven in die Luft schickten. Morgens, mittags und abends. Der Himmel barst schier und wir regierten mit derselben Wut und Feuerkraft. Blind und taub und verloren. Auf eine Feste im Nirgendwo fixiert.

Bis auf dieses vermaledeite Fort Douaumont existierte kein sichtbares Frankreich. Kein Schützengraben und kein Horizont. Alles verschmolz zu einer grauen Einheit. Totes braches Land und Reihen von Stacheldraht, durch die in einer anderen Wirklichkeit Vieh und Sklaven getrieben wurden. In der der gehörnte Fürst auf seinem Thron saß und mit Wohlwollen sein Werk betrachtete.
Der Krieg verkam zur Maschinerie.
Ruhm? Ehre? Heldentum? Nein, sicher nicht dort. Und ich? Ich büßte das letzte Quäntchen Hoffnung ein, das mich an der Wasseroberfläche gehalten hatte: meinen Glauben. Denn wo der Teufel derart ungeniert das Zepter schwang, konnte es keinen Gott geben.
Mit dieser persönlichen Kapitulation unterschrieb ich meine eigene Verdammnis. Ich lieferte mich einer Macht aus, die mir wenig später begegnen sollte und die vermutlich schon aus der Entfernung meine Abkehr vom Kreuz roch. Ihr verdanke ich meine Rettung – und meine Vernichtung.
In Verdun hatte ich die Hölle gesehen. Doch schlimmer noch, die Hölle hatte mich gesehen. Und offenbar Geschmack an meinem Fleisch gefunden.

 

Wäre es nach meinem Schöpfer gegangen, wäre ich im Februar des Jahres 1916 in einem Lazarett an Wundbrand gestorben. Der Teufel jedoch beschloss, seine Pläne zu durchkreuzen. Er offenbarte mir einen seiner Diener am Krankenlager und lockte mich mit der Aussicht, weiterzuleben.
Und erneut zeigte sich meine Dummheit!
Sowie meine Feigheit.
Ich willigte ein. Teils aus dem Wunsch diese Erde nicht verlassen zu müssen, teils aus Furcht auf der anderen Seite gerichtet zu werden. Denn natürlich wusste ich um all die Grenzen der Menschlichkeit, die ich überschritten hatte. Nicht umsonst wählte der Hölle Abgesandter unter all den Soldaten ausgerechnet mich.

 

Daniela Herbst 13/05/2015 No Comments

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