Der Heilige Biber

Fünfundzwanzig Jahre sind seit Nicoles »Ein bisschen Frieden« vergangen und mit dem frommen Wunsch sieht es mindestens so finster aus wie mit Ralph Siegels Hoffnungen auf ein erfolgreiches Comeback beim Grand Prix. Der Terror gibt der künstlerischen Freiheit die Kugel, der Gegenterror trägt seine Kreuzzüge auf die Marktplätze der Republik. Ali haut Adolf, Adolf beißt Iwan, Iwan tritt Lao und Lao bespuckt Ali. Alle wollen sich ständig gegenseitig etwas wegnehmen, aufdrängen oder kaputtmachen. Die Rechtfertigungen gestalten sich kreativ und mannigfaltig. Die einen schieben die Schuld einem mächtigen, unsterblichen Wesen in die Schuhe und nennen ihre Handlungen religiös motiviert. Die anderen gehören zu den Schwarmfliegern und berufen sich auf Staat, ominöse Wertesysteme und Gesellschaft.

 

Biber_StammFür den Ottonormalverbraucher ohne politische Motivation und Glaubensbindung eine verdammt nervige Sache. Dabei könnten wir uns den ganzen Mist komplett ersparen. Es liegt in unserer Hand, Gewalt und Krieg in die Tonne für Sondermüll zu verfrachten. Und dazu müssten wir nichts weiter tun als den Biber – das Säugetier, nicht den Sänger! – zur allbeherrschenden sowie alleinregierenden Gottheit auszurufen.

 

Hört sich radikal an? Utopisch? Visionär?

 

Mag sein, die Argumente sprechen jedoch eine deutliche Sprache. So verspeisen Biber weder Schweinefleisch noch Kühe, ernähren sich überhaupt stets koscher, leben monogam, mehren ihre Art redlich und arbeiten selbst im Winter voller Fleiß. Damit erfüllen sie für die meisten Religionen schon mal die Grundvoraussetzungen. Außerdem besteht ihr bevorzugtes Baumaterial aus Holz – und gab es nicht bereits früher einen wichtigen Glaubensvertreter, der Zimmermann war? Biber haben zudem einen heftigen Überbiss und würden es garantiert verstehen, wenn man sie karrikaturiert. Sie bauen ihre Behausungen direkt am Wasser; äußerst praktisch, falls es mal brennt. Und es käme sicher nie zur Biberisierung des Abendlandes, denn ehrlich gesagt klingt allein das Wort ziemlich bescheuert.
Biber interessieren sich nicht für Flughäfen, Mautgebühren, Steuern, Finanzkrisen und das Bankenwesen. Wahlversprechen existieren aufgrund mangelnder Kommunikationsfähigkeit nicht; was bedeutet, dass sie diesbezüglich niemals lügen. Sie werfen auch keine Bomben; im Zweifelsfall öffnen sie einfach einen Damm und ersäufen ihre Feinde. Nicht wesentlich netter, aber besser für die Umwelt. Ganz nebenbei bemerkt können sie furzen wie die Weltmeister und beschädigen trotzdem kein Stück die Ozonschicht. Um zu ihrer Gemeinschaft zu gehören, genügt statt komplizierter Aufnahmeanträge ein simples Handzeichen. Und die einzige Pflicht für die Bürger der Biber-Union besteht darin, Bäumen mit Respekt zu begegnen.

Es wäre perfekt. Der Heilige Biber hat nur einen winzigen Haken: Das äußere Erkennungszeichen der neuen Regierungs-Religion ist ein flachgeklopfter Schwanz mit Waffelmuster.

 

Daniela Herbst 21/04/2016 No Comments

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