Der Geist in der Cola-Flasche

Die Geschichte, die ich zu erzählen habe, mag sich beim ersten Mal seltsam anhören. Und auch beim zweiten Mal wird sie kaum an Merkwürdigkeit verlieren. Wenn ich es recht bedenke, kann ich sie heute noch nicht glauben – und das, obwohl ich ein Teil von ihr war und bin.
ColaDschinnDie Sache trug sich an einem gewöhnlichen Samstagabend zu. Ich hatte beschlossen, zuhause zu bleiben, deshalb saß ich auf der Couch und sah mir einen Film an. An den Titel erinnere ich mich nicht mehr; irgendein Thriller eben. Vor mir standen eine Schüssel mit Chips und eine kleine Flasche eiskalte Cola.
Ich mache mir normalerweise wenig aus Softdrinks, an diesem Tag allerdings hatte ich richtiggehende Gelüste nach dem schwarzen Blubberwasser.
Ich konnte ja schlecht ahnen, in welch haarsträubende Dinge ich dadurch hineingezogen werden würde.
Nein, damit ließ sich nicht im Geringsten rechnen.

Was ist denn nun eigentlich geschehen, fragt sich nun garantiert der verwirrte Leser. Ich will es gern berichten. Aber die Überschrift der Geschichte verrät es an sich schon: Man glaube es oder nicht – beim Öffnen der Flasche erschien mir ein Geist.
Ja, wirklich. Kaum schraubte ich den Deckel der Cola herunter, begannen Nebelschwaden aus dem Inneren aufzusteigen. Sie kringelten und kräuselten sich und formten am Ende ein Männlein von vielleicht zehn Zentimeter Größe. Gekleidet in orientalische Gewänder, mit einem kompliziert gewickelten goldenen Turban auf dem Kopf.
Die Schlauen unter der Sonne erraten es vermutlich bereits; es handelte sich um einen waschechten Dschinn.
Wer den Begriff nicht kennt: Dschinns gehören zur Familie der Flaschengeister, die demjenigen Menschen, der sie aus ihrem Gefängnis befreit, eine bestimmte Anzahl an Wünschen erfüllen müssen. Im Normalfall sind es drei und nach dem letzten Wunsch erlangt der Dschinn automatisch seine Freiheit.
So funktioniert das zumindest üblicherweise. Mein Geist jedoch war völlig anders gestrickt.
Lag eventuell am Koffein.

Inwiefern er sich von seinesgleichen unterschied? Tja, er verweigerte mir nicht nur meine mir rechtmäßig zustehenden drei Wünsche – nein, er bestand im Gegenteil darauf, dass ich ihm selbige erfülle. Hat man von so etwas je gehört?!
Sollte ich es nicht tun, drohte er, sperre er mich für immer in die Flasche.
Ich hoffte, das alles wäre ein böser Traum. Verwirrt ging ich schlafen. Doch am Morgen wartete er bereits neben meinem Bett; den ersten seiner Wünsche auf den Lippen. Er wolle eine Cola. Nicht mehr und nicht weniger als das.
Ich erledigte die Sache noch am selben Vormittag.
Jetzt wundert sich mancher eventuell, worüber ich mich beschwere, da der Dschinn offenbar so simple Begehrlichkeiten hegte. Das stimmt, denn auch sein zweiter Wunsch löste sich binnen einer Stunde in Wohlgefallen auf. Ich sollte ihm eine schönere Flasche besorgen.
Ich fand ein ganz bezauberndes Exemplar in einem Antiquitätengeschäft.
Am Ende aber verzweifle ich an seinem dritten Wunsch. So möchte er nämlich, dass ich den Platz mit ihm tausche. Ist das nicht gemein?

 

Daniela Herbst 22/10/2014 No Comments

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