Der Brief in ihrer Hand

Sie hielt das Stück Papier vorsichtig zwischen drei Fingern, als fürchtete sie, es zu beschädigen. Durchaus zu Recht; denn seine feine Struktur erinnerte an Blütenblätter. Der Verfasser des Briefes hatte sich offenkundig selbst bei der Auswahl des Untergrunds Gedanken gemacht. Nicht minder gewichtig waren die dort mit schwarzer Tinte säuberlich aufnotierten Worte.
»So ein Scheiß«, zischte sie und bog in die kleine Seitenstraße.
Sie musste sich beherrschen, um die Hand Briefnicht zur Faust zu ballen. Allerdings fühlte sie, wie das Kuvert von ihrem Schweiß leicht wellig wurde. Rasch wechselte sie zur anderen Seite und wischte ihre feuchte Linke am Stoff der Jeans trocken. Als sie fertig war, blieb sie stehen. Fast wie aus einem Zwang heraus faltete sie das Papier auseinander und begann, die Zeilen zum wahrscheinlich hundertsten Mal zu lesen.
»Meine Liebste Eva, jede einzelne Minute des Tages, die ich nicht mit dir verbringen darf, vermisse ich dich.« Sie schluckte, während ihre Augen den verschnörkelten Linien folgten. »Wenn ich an dich denke, rieche ich beinahe das frisch gemähte Gras, auf dem wir uns geliebt haben, und spüre deine weiche Haut …«
Sie gab ein Geräusch von sich, das an Eichhörnchen mit chronischer Bronchitis erinnerte.


»Das ist so unfair …«, murmelte sie und knirschte mit den Zähnen.
Ein Passant schlich kopfschüttelnd an ihr vorbei, aber sie bemerkte ihn gar nicht. Ihre gesamte Aufmerksamkeit klebte an der fast schon poetischen Nachricht.
»Eva, meine Blume. Mein Frühlingstag …« Ihr Flüstern ging in ein leises Kichern über. Sie zog die Stirn kraus. Okay, der Teil war wirklich schmalzig. Das gab ihr irrigerweise ein gutes Gefühl. Sie las weiter: »Ich küsse und drücke dich und fiebere unserem gemeinsamen Wochenende entgegen. In Liebe dein Schatz Kevin.«
Während sie den Brief wieder in seinen Umschlag schob und die Kanten glättete, schnaubte sie kurz auf. Dann setzte sie sich Richtung zuhause in Bewegung. Ihr war jetzt nach Butterkeksen und einem extra starken Kaffee. Zwei Sünden, die sie sich eigentlich nur an Sonntagen oder zu besonderen Gelegenheiten gönnte. Das eine machte fett und zu viel Koffein schadete der Haut. Interessierte sie heute beides nicht.
»Blöder Kevin …« Abwesend knetete sie das Kuvert. Schließlich seufzte sie und steckte es zurück in den Briefkasten. Dritter Schlitz von oben zweite Reihe rechts. Danach schlurfte sie die Treppen hoch zu ihrer Wohnung.

 

»Wo warst du so lange?«
»Einkaufen, was sonst?!«, raunte sie ihrem Freund zu und stellte die zwei vollen Tüten scheppernd auf dem Küchentisch ab.
Der Geruch heißer Pizza stieg ihr in die Nase. Alex hatte mal wieder den Lieferdienst angerufen, ohne auf sie zu warten. Geladen marschierte sie ins Wohnzimmer.
»Hey Süße, willst du ein Stück?« Grinsend hielt er ihr ein dampfendes Dreieck entgegen, von dessen Spitze jede Sekunde ordentlich Käse auf den Teppich klatschen würde.
»Du weißt doch, dass ich Salami Peperoni nicht mag.« Die Zornesfalte über ihrer Nasenwurzel grub sich tiefer ein. »Außerdem habe ich frische Paprika fürs Mittagessen besorgt. Ich wollte uns gleich Ratatouille kochen.«
»Können wir ja morgen machen.«
Sie drehte sich um und ließ ihn kommentarlos auf der Couch sitzen.
»Hast du heute irgendwie schlechte Laune?« Seine Stimme verriet vorsichtige Selbstzweifel, obwohl er sich eigentlich keiner Schuld bewusst war.
»Nein!«
»Was dann?«
Die fette, hässliche Eva Paschulke aus dem dritten Stock hat einen neuen Freund und der ist nett und aufmerksam. Kevin heißt er und schreibt Sachen, die du niemals schreiben würdest. Der Brief ist aus Versehen bei uns im Kasten gelandet. Also ja, ich bin sauer! Und neidisch! Aber du kannst im Grunde nichts dafür.
»Passt schon. Ich koche mir jetzt Ratatouille.«
Und als Nachspeise Butterkekse und ein extra starker Kaffee …

 

Daniela Herbst 24/04/2014 No Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.