Denn sie wusste, was sie wollte

»Unmöglich. Vera van Horst war geradezu paranoid, wenn es um ihre Ernährung ging.« Monika, die Hausdame schüttelte vehement den Kopf. »Dass jemand ihr Essen vergiftet haben könnte, ist quasi ausgeschlossen.
»Sind Sie sicher?«, fragte Leonard Gerber und gab den Weg für die Herren vom rechtsmedizinischen Institut frei. Zum Glück holten sie die Leiche der alten Dame endlich ab.


DuftEr fühlte schon bei dem Gedanken Erleichterung. Trotz langjähriger Berufserfahrung bei der Kriminalpolizei verursachte es ihm nach wie vor eine Gänsehaut, sich länger mit toten Menschen in einem Raum aufzuhalten. Vermutlich das eingeimpfte Erbstück seiner Großmutter – der Aberglaube in Person.

 

»Absolut. Wir beziehen unsere Lebensmittel nur von einem einzigen Feinkostladen und das bereits seit über zehn Jahren. Außer der Lieferantin vom Geschäft und Hartmut, dem Koch, bekommt sie auch niemand anderes in die Finger. Und für die beiden würde ich meine Hand ins Feuer legen.«
»Wer gehört sonst noch zum Personal?«, wollte der Kommissar wissen und machte sich flüchtig Notizen.
»Eine Reinemachefrau und ein Gärtner. Und alle zwei Wochen kommt jemand, der nach dem Schwimmbereich im Tiefgeschoss sieht und das Becken sauber hält. Die Namen habe ich Ihnen bereits aufgeschrieben.« Sie reichte ihm einen Zettel. »Weiterhin sämtliche Handwerker, Gäste und andere Leute, die in den letzten drei Tagen bei Vera van Horst vorstellig geworden sind.«
»Danke.« Das Stück Papier wanderte in Gerbers Tasche.
Er nickte abwesend – und gegen seinen Willen fiel sein Blick auf die arme Frau, deren Körper verkrümmt auf dem Teppich lag. Ihr weißes Haar wirkte frisch frisiert und sie hatte Lippenstift aufgetragen. Dazu trug sie einen Bademantel sowie einen deutlich wahrnehmbaren Hauch von Minavelle. Der Lieblingsduft seiner Lebensgefährtin. Wären das verzerrte Gesicht und der Schaum vor dem Mund nicht gewesen, sie hätte direkt hübsch ausgesehen.
»Wollte Frau van Horst gestern noch ausgehen?«
»Ja, ein Abendessen mit ihrem Neffen. Deswegen hat sie Hartmut und mir freigegeben.«
»Ihr Neffe?«, hakte Leonard Gerber nach.
»Ja. Kilian Bader. Die beiden verstehen sich nicht besonders, aber er ist ihr letzter lebender Verwandter.«
»Und folglich wohl auch ihr Erbe?«, ergänzte der Kommissar.

 

»Wollen Sie mir etwas unterstellen?« Ohne Vorwarnung trat ein Mann Mitte dreißig ins Schlafzimmer, lächelte und streckte ihm selbstbewusst die Hand hin. »Kilian Bader. Vera van Horsts Neffe … und offenbar einer der Tatverdächtigen?«
Gerber erwiderte die Geste, die für seinen Geschmack eine Spur zu aufgesetzt war.
Hausdame Monika dagegen würdigte den Neuankömmling kaum eines Blickes.
»Mein Beileid zum Verlust Ihrer Tante.«
»Vielen Dank, Herr …«
»Gerber. Kriminalpolizei.«
Die Männer vom rechtsmedizinischen Institut hatten wohl alles Nötige erledigt und verließen mit der Toten im Zinnsarg den Raum. Kilian Bader sah dem kleinen Trauerzug nach, bis er in der Weite des pompösen Hauses verschwunden war. Dann schlenderte er zu dem nun verwaisten Schminktisch in der Ecke und ließ die Finger über das Sammelsurium an Fläschchen und Tiegel gleiten.
»Hatte Ihre Tante irgendwelche Feinde?«
»Nicht, dass ich wüsste. Sie war im Allgemeinen sehr beliebt. Seit dem Tod meines Onkels engagierte sie sich stark für gemeinnützige Projekte – meine Wenigkeit eingeschlossen.« Er lächelte übertrieben breit. »Ansonsten lebte sie recht zurückgezogen.
»Verstehe …«
Kilian Bader legte den Kopf schief und schloss halb die Augen.
»Wie ich diesen Duft vermissen werde.« Er seufzte tief und wandte dem Schminktisch endgültig den Rücken zu.
»Ich mochte Minavelle auch schon immer«, erwiderte der Kommissar.
»Frau van Horst hat Chanel getragen.«
»Wie?«
»Sie hat niemals ein anderes Parfum gekauft als Chanel«, wiederholte die Hausdame und straffte die Schultern. »Chanel Nummer fünf. Chanel Nummer neunzehn. Coco Noir. Cristalle. Egal, solange nur Chanel draufstand.«

 

»Kann ich jetzt gehen oder brauchen Sie mich noch?« Bader stand abmarschbereit im Türrahmen. »Ich habe wichtige Termine.«
»Seltsam.« Leonard Gerber ignorierte die Frage. »Ich kenne diesen Geruch und das ist eindeutig Minavelle, was ich rieche.«
»Herr Kommissar …?«
Schweigend ging dieser zum Schminktisch und durchstöberte die Flaschen. Tatsächlich, alles von Chanel. Parfum. Tagescreme. Lotion. Sogar ein Wässerchen für die Haare. Die alte Dame legte offenbar bei ihren Kosmetika die gleiche Pedanterie an den Tag wie bei ihren Lebensmitteln.
»Ich bedaure, ich muss ihre Zeit noch ein wenig länger in Anspruch nehmen«, sagte Gerber in ruhigem Ton. »Würden Sie bitte Ihre Manteltaschen ausleeren?«
»Was? Wozu?« In Kilian Baders Stimme lag Empörung.
Wieder eine Spur zu viel, wie er fand.
»Legen Sie den Inhalt Ihrer Manteltaschen hier aufs Bett«, wies er ihn an. »Und zwar alles.«
Bader zögerte. Fast gewann man den Eindruck, als wolle er sich weigern. Er reagierte erst, als auf einen Wink des Kommissars hin zwei uniformierte Beamte, die bislang im Flur gewartet hatten, hinter ihn traten.
»Na schön, wenn Sie tatsächlich darauf bestehen …«
Ein Päckchen Zigaretten, ein besticktes Taschentuch und ein teurer Füllfederhalter wanderten auf die gesteppte Tagesdecke. Zuletzt leistete ihnen das Eau de Parfum mit dem berühmten Springbrunnen auf dem Flacon Gesellschaft.
»Ein harmloses Geschenk. Eine kleine Aufmerksamkeit für meine geliebte Tante. Das beweist gar nichts.«
»Nein aber ich wette, bei der Analyse des Inhalts entdecken wir dasselbe Gift, das sie umgebracht hat. Ein Gift, das über die Haut in den Blutkreislauf gelangt.« Leonard Gerber gab den Polizisten ein Zeichen.
Die zückten die Handschellen.
»Kilian Bader, Sie sind vorläufig festgenommen. Wegen Mordes an Vera van Horst.«

 

Daniela Herbst 29/05/2015 No Comments

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