Das schwärzeste aller Motive

Er stand oben im fünften Stock hinter dem Fenster und schaute hinunter auf die Straße. Von hier aus wirkten die Menschen wie kleine Plastikfiguren auf einer Modelleisenbahn. Bunte unförmige Gestalten ohne Namen und Persönlichkeit. Sie bewegten sich in einer Art vorprogrammiertem Rhythmus, der dafür sorgte, dass sie weder zusammenstießen noch der ewige Fluss der Masse gestört wurde.
Er setzte sich auf das frisch gemachte Bett und wuchtete den Koffer in seinen Schoß.

Die Schlösser klickten; ein wunderbares Geräusch, das ihm jedes Mal eine wohlige Gänsehaut bescherte. Er hielt den Atem an, um es in vollen Zügen zu genießen. Dann nahm er die Einzelteile aus ihren Vertiefungen und begann, die Waffe zu einem Ganzen zu vereinen. Mittlerweile schaffte er die Prozedur natürlich blind und innerhalb von wenigen Sekunden – aber er ließ sich nichtsdestotrotz Zeit. Manchen Dingen sollte man einfach den nötigen Respekt zollen; und zwar indem man sie bewusst tat.
Das Gewinde gehorchte widerstandslos.
Der Kolben rastete sanft ein.
Es roch nach Öl und Metall.
Er lud das Präzisionsgewehr, erhob sich und ging langsam wieder zum Fenster zurück. Eine merkwürdig entrückte Leichtigkeit trug seine Beine.

 

Der Blick durch das Zielfernrohr entlarvte die Plastikfiguren als Menschen. An der Bushaltestelle stand eine Studentin, die sich das Buch eines bestimmt ungemein wichtigen Philosophen unter die Nasenwurzel presste. Ihr gegenüber kaufte gerade ein Börsenmakler seine Zeitung am Kiosk. Drüben beim Bäcker wartete eine alleinerziehende Mutter mit ihren zwei Kindern, dass sie endlich drankam. Ein Lehrer, der die Straße überquerte. Ein Bauarbeiter. Eine Putzfrau. Freunde, die Kaffee trinken gingen. Ein frisch verliebtes Pärchen.
Er blinzelte.
Vermutlich von vorne bis hinten völliger Blödsinn. Aber sobald die Leute nah genug heranrückten, besetzte sein Verstand sie automatisch mit einer oberflächlichen Biographie. Das gefiel ihm. Ob die Geschichten stimmten oder nicht, interessierte ihn eigentlich nicht. Weder erschwerte es seinen Tag noch erleichterte es ihn. Die Menschen da unten hatten weiterhin keine Namen, also blieben sie trotz Gesicht und fiktivem Charakter unbedeutende Spielzeugfiguren auf einer Modelleisenbahn. Nur eben Lebendige.
Bedächtig legte er die Munition ein.
Anschließend öffnete er das Fenster.
Der leicht blumige Geruch des Frühlings wehte herein. Klar. Rein. Weich. Inmitten der Frische roch er zudem die Ausdünstungen der Stadt. Abgase, Stein, Staub, Schweiß. Eine würzige Mischung, die seine Sinne anregte und ihm die Haut kribbeln ließ.
Er trat dicht ans Fensterbrett. Oben im fünften Stock.

 

Nun hieß es, eine Auswahl zu treffen. Nicht aufgrund objektiver Kriterien oder emotionaler Aspekte – für ihn existierte nur ein würdiges Motiv: pure, unverfälschte Willkür. Nicht, weil es ihm schnöde Macht verlieh, sondern weil es ihn befreite. Von den Zwängen der Gesellschaft, der Moral und besonders von seinen eignen.
Er entschied sich für die Studentin mit dem Buch.
Ihm gefiel ihre Nase nicht.
Ohne zu zögern legte er an, zielte und drückte den KrimiAbzug durch. Der Rückstoß schlug ihm den Kolben gegen die Schulter. Ein schmerzhaft gutes Gefühl.
Unten auf der Straße griff sich die junge Frau irritiert an die Brust und starrte auf ihre rot besudelten Finger. Sekundenbruchteile später sackte sie blutüberströmt zu Boden. Sie hatte nicht einmal Gelegenheit, zu schreien.
Er ließ das Gewehr sinken.
Zeit, zu gehen.
Während jenseits des Fensters hörbar das Chaos ausbrach, ging er zum Bett, schraubte die Waffe wieder auseinander, verstaute sie im Koffer und packte seelenruhig seine restlichen Sachen zusammen. Freiheit und Adrenalin rauschten durch seine Adern.
Wer sagte freier Wille sei eine Illusion?! Man brauchte bloß das nötige Maß Mut, ihn in die Tat umzusetzen.

 

Daniela Herbst 27/06/2014 No Comments

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