Das perfekte Geschenk


Neugierig beugte sich Beate über das bunte Päckchen, an dessen Oberseite eine Schleife prangte. »Was ist das?«
»Dreimal darfst du raten«, antwortete Rita und nippte an ihrem Kaffee.
Die beiden Frauen waren seit rund zehn Jahren die besten Freundinnen. Jede von ihnen hatte Kinder, einen Ehemann und Geschichten, die sie nur einander erzählen würden. Trotzdem grinsten sie in solchen Situationen stets verlegen wie Schulmädchen. Und speziell Rita spürte diese merkwürdige Anspannung, als hinge der Wert ihrer Freundschaft von den folgenden fünf Minuten ab.
»Vielleicht mein Geburtstagsgeschenk?«, fragte Beate unschuldig mit den Wimpern klimpernd. Sie streckte die Finger nach der viereckigen Schachtel aus, nahm sie hoch, schüttelte sie und lauschte demonstrativ, ob sich im Inneren etwas bewegte. »Was das wohl sein mag?«
»Mach es auf.«

Ein Teller mit Kuchen wechselte den Besitzer und die hübsche Schleife fiel der Schere zum Opfer. Alles sehr brav und säuberlich. Man konnte fast meinen, sie zelebrierten hier eine Art Ritual, so seltsam steif wirkte das Ganze.
Rita stopfte sich lächelnd die Schwarzwälderkirsch in den Mund. Eigentlich hatte sie keinen Appetit – und eigentlich wollte sie sich aktuell in Luft auflösen.
Natürlich liebte sie Beate von Herzen. Eine Schwester im Geiste, eine Freundin für die Ewigkeit. Doch immer wenn es darum ging, ihr ein Geschenk zu machen, zerstob dieses Gefühl und tauschte den Platz mit einem anderen, wesentlich unangenehmeren Gefühl. Einem, das sie nicht einmal benennen konnte.
Das Papier raschelte.
Leise Wut steckte wohl zum Teil darin. Dazu ein Hauch Enttäuschung vermengt mit einer schuldgeschwängerten Prise Selbstkritik.
Denn so sehr sich Rita auch bemühte, es wollte ihr einfach nicht gelingen, ein Geschenk zu finden, das Beate tatsächlich gefiel. Ein- oder zweimal hatte sie eines gehabt, das ihre beste Freundin zumindest einigermaßen mochte. Meist aber ließ die Gute keinen Zweifel daran, wie wenig ihr das Präsent zusagte.
Undank? Pech? Unfähigkeit ihrerseits?
Verletzend war die Sache immer, egal von welcher Warte aus betrachtet.

Zum Glück würde ihr das heute nicht passieren.
Heute hatte sie das perfekte Geschenk.
»Ich bin schon richtig aufgeregt.« Geschickt pflückte Beate die letzte Schicht Glanzpapier ab und öffnete den Deckel der nun enthüllten Schachtel.
Zum Vorschein kam ein schwarzer Würfel.
»Hm …« Sichtlich irritiert griff sie danach und platzierte ihn auf ihrer Handfläche. Seine Kanten waberten. »Verrätst du mir, was das sein soll?«
»Es ist, was immer du haben möchtest«, erwiderte Rita lächelnd.
»Okay …«
Der schwarze Würfel blieb ein schwarzer Würfel.
»Ist eventuell kaputt …«
»Glaube ich nicht.« Rita nahm den Würfel, und während Beate ihn noch skeptisch anstarrte, verwandelte er sich in ein Buch. »Siehst du …« Das Buch schrumpfte und formte eine Vase. »Klappt einwandfrei.« Die Vase verpuffte und es ruhte ein Seidenschal in ihrer Hand, den sie an das Geburtstagskind weiterreichte.
Aus dem Seidenschal wurde wieder ein schwarzer Würfel.
»Danke, wirklich außergewöhnlich«, sagte Beate wenig überzeugend und ließ das Ding im Sideboard verschwinden.
Schade. Daneben. Wie immer halt. Allerdings hegte Rita zum ersten Mal nicht den Gedanken, dass es ihr an den nötigen Qualitäten als Freundin, Kreativität oder Einfühlungsvermögen fehlte. Man konnte schließlich niemandem ein perfektes Geschenk machen, der selbst keine Vorstellung davon hatte, wie dieses eigentlich aussehen soll.

 

Daniela Herbst 12/12/2013 No Comments

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