Das Blatt seines Lebens

In einem verschwiegenen Hinterzimmer einer Bar …

»Einen Hugo, bitte«, meinte Stan an die hübsche junge Kellnerin gewandt.
Die nickte, strich ihm leicht über den Arm und wackelte Richtung Bar. Dabei registrierte er durchaus ihren amüsierten Gesichtsausdruck. Klar. Ein gestandener Kerl wie er, der Blubberwasser mit Holundergeschmack orderte. Ein Tussigetränk.
Er grinste innerlich.
Äußerlich wirkte er natürlich weiterhin wie eine Steinstatue. Immerhin spielten sie hier Poker und er wollte dem Spiel samt Kontrahenten das nötige Maß an Respekt entgegenbringen. Alles andere wäre unter seinem Niveau.
»Kann ich Ihnen sonst noch etwas bringen?« Der Hugo landete an seinem Platz und die Rechte der Kellnerin auf seiner Schulter.
Die Kleine hoffte scheinbar auf üppiges Trinkgeld.
Stan mochte sie ungern enttäuschen; darum konzentrierte er sich wieder voll und ganz auf das Wesentliche. Denn kein Gewinn, kein üppiges Trinkgeld, keine von ihm beeindruckte Kellnerin. Stoisch schob er einen Stapel Chips in die Mitte und lehnte sich zurück.
Zwei Asse, ein Bube auf der Hand. Mit dem Buben in Karo und dem Pik-As, die offen auf dem Tisch lagen, ein durchaus respektables Full House.
Texas Hold´em. Klassisch.


»Ich steige aus.«
»Ich bin auch raus.«
»Dito.«
Er hatte gewonnen. Schon wieder. Achtmal hintereinander. Das war ihm bislang noch nie gelungen. Nicht zu seinen besten Zeiten und erst recht nicht zu seinen schlechtesten.
Meistens gewann er am Anfang, verlor dann im Mittelteil, fing sich gegen Ende und spazierte am Schluss mit einem passablen Überschuss nach Hause. Immer dasselbe Programm.
Der Pot wanderte auf seinen Platz und der Dealer sammelte die Karten ein. Das junge Bürschlein wirkte etwas abwesend.
Stan schätzte, dass der Typ für einen Kollegen eingesprungen war und Selbigen bereits verfluchte. Aber keiner von beiden hatte ahnen können, zu welchem Mammut-Projekt sich die abendliche Runde auswachsen würde.
Stan selbst natürlich schon. Denn heute hatte er sich vorgenommen durchzuspielen, bis er entweder pleite war oder allen anderen den letzten Cent aus der Tasche geleiert hatte. Und der Plan schien tatsächlich aufzugehen. Dazu ein kleiner Schwips und später eventuell noch ein harmloser Flirt mit der hübschen Kellnerin. Schöner könnte der Abend wahrlich nicht sein.

 

»Stan!«
Erschrocken fuhr er zusammen. Dicke rote Tropfen landeten auf dem Herzass.
»Du blutest.« Frank, den er eben um dreihundert Euro erleichtert hatte, wirkte ernsthaft besorgt.
Eher pflichtschuldig als tatsächlich interessiert berührte Stan die weiche Stelle unterhalb seiner Nase und hielt sich die besudelten Finger vors Gesicht.
»Brauchst du einen Arzt?«
»Nein, alles in Ordnung. Ist vermutlich bloß der Kreislauf.«
»Sicher?«
»Ja, klar.« Er grinste schief. »Es geht einem Spiel_Karten_Poker_buchherbsteben an die Nerven, euch Pfeifen auszupressen wie überreife Zitronen.«
Das sorgte allseits für einen Lacher.
Entkrampfung durch Galgenhumor. Funktionierte fast immer.
»Ich schätze, ich sollte für heute Abend trotzdem Schluss machen.« Stan erhob sich. »Meine Herren, es war mir ein Vergnügen.«
Niemand hielt ihn auf. Obwohl man Sieger sonst ungern gehen ließ, ohne Ihnen mindestens eine weitere Revanche abzuschwatzen, zeigten sich seine Mitspieler diesmal sogar erleichtert. Vielleicht spürten sie instinktiv, dass mehr hinter dem Nasenbluten steckte.
Auch wenn sie keine Ahnung hatten, wie viel mehr. Und erst recht nicht, welch kurze Frist ihm das letzte Blatt seines Lebens noch zugestand.
Er lächelte und schritt durch die Tür. Dieser Abschied vom Spieltisch würde wohl für immer sein.

 

Daniela Herbst 22/11/2013 No Comments

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