Cogito ergo deleo

Krampfhaft drückte Jennifer die Fäuste gegen ihre Schläfen und verzerrte den Mund zu einem stummen Schrei. Sie ging langsam rückwärts. Ihre Schuhe schritten über zerbrochenes Glas und wild verstreuten Nippes.
Das gesamte Wohnzimmer sah aus wie ein Schlachtfeld. Umgeworfene Möbel. Großflächig auf dem Laminat verteilte Bücher. Und den Fernseher zierte ein hässlicher Sprung, der ihn diagonal in zwei fast genau gleichgroße Hälften teilte.
»Hör auf«, schrie sie. »Leere. Nichts. Nicht denken!« Dann presste sie die Lippen aufeinander und ihren Rücken eng gegen die Wand.
Tränen ließen ihre Sicht verschwimmen, doch die Umrisse, die sie erkannte, genügten. Sie wusste, was geschah. Sie musste es nicht sehen. Sie wollte es nicht sehen.
Ein Winseln erfüllte den Raum. Kläglich und voller Angst. Dazu begann der Schatten, der bis eben in der hintersten Ecke bei den Fenstern gekauert hatte, unkontrolliert zu zucken.

 

»Lexi!« Sie rutsche an der Tapete nach unten, sackte zusammen und schlang die Arme hilfesuchend um ihre Beine. »Es tut mir leid!«
Das Winseln wurde von einem schrillen Jaulen abgelöst.
Jennifer vergrub den Kopf zwischen ihren Knien und hielt sich die Ohren zu. Auf diese Weise blieb ihr der Todeskampf der kleinen Mischlingshündin zumindest bildlich erspart. Sie hörte ihn lediglich als gedämpftes Echo; und allein das sorgte dafür, dass sie garantiert nie wieder ruhig schlafen konnte.
»Es tut mir so leid!«
Ein letztes Mal schrie das Tier in seinem Schmerz auf, dann verstummte es endgültig. Ein hellbrauner Fellberg auf dem Teppich, unter dem sich langsam eine dunkle Blutlache ausbreitete.
Sie blinzelte hinüber.
»Nein! Oh Gott!« Sie verkrallte die Finger in ihrem Haar. Wie hatte sie etwas derartig Grausames nur denken können?!
Was für ein widerlicher Mensch dachte daran, dass seine Hündin … sein Liebling … scheiße … nur, weil sie den Fernseher
… Sie brach in Tränen aus.

 

In einer Welt, in der einem schlechte Gedanken im schlimmsten Fall ein schlechtes Gewissen bescherten, hätte sie sich geschämt. Punkt.
In dieser neuen Welt, die all die unüberlegten Bilder in ihrem Inneren zur Wahrheit werden ließ und die allein mit der Kraft des Geistes ein Wohnzimmer verwüstete, ergriff sie eine nie gekannte Furcht.
Was, wenn ihr plötzlich ein Katastrophenfilm durch den Kopf schoss? Oder jemand sie unabsichtlich wütend machte? Oder sie an bestimmte Ereignisse zurückdachte? Zum Beispiel wie ihre Mutter sich im Sommerurlaub auf Kreta an einer Glasscherbe den Fuß aufgeschnitten hat, dass sie fast verblutet wäre …


»Nein! Nicht!« Entsetzt wuchtete sie sich in die Höhe und rannte zur Haustür. Verfluchte sich für ihre Dummheit.
Eine schwache Sekunde und sie fügte dem Menschen, der ihr alles bedeutete, Schmerzen zu. Vielleicht brachte sie sie sogar um. Denn wer sagte, dass es diesmal auch so glimpflich ablaufen würde? Damals war zufällig ein Arzt am Strand gewesen. Diesmal saß sie allein daheim. Nichtsahnend.
Vor Jennifers geistigem Auge lag ihre Mutter tot auf dem Teppich.
»Oh, Gott!!!«

 

Daniela Herbst 15/11/2014 No Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.