Blutende Bilder

Als ihr Streifenwagen vor der kleinen Galerie zum Stehen kam, konnte der junge Beamte Stefan Gruttner nicht einmal die Schaufensterscheibe sehen. Eine dicke Traube Menschen drängte sich auf dem Fußweg davor und verstopfte den Ort des Geschehens. Er und sein Kollege mussten regelrecht eine Schneise durch den Pulk fräsen.
»Polizei. Bitte machen Sie Platz.«
Die Menge driftete nur widerstrebend auseinander. Sobald die beiden einen Meter zurückgelegt hatten, glitt der fleischliche Reißverschluss wieder zu. Was auch immer dort in dem unscheinbaren Geschäft passiert war, es weckte die tief verwurzelte Neugier der Leute.

 

»Hallo? Verrät uns jemand, wer hier verantwortlich ist?«
Die Frage richtete sich an niemand Speziellen. Aus Erfahrung wussten sie, dass derjenige, der das Sagen hatte, diesen Part früher oder später von allein übernehmen würde. In ihrem Fall früher – allerdings war es eine diejenige; und zwar eine Dame namens Brigitte Lacroix. Mitte vierzig, schwarzhaarig, attraktiv und ein wenig gestelzt.
»Endlich sind die Herren da. Der Mob rennt mir ja fast die Galerie ein.«
Entgegen ihrem aufgesetzten Entsetzen wirkte sie nicht wirklich besorgt. Warum sollte sie? Es kam ihr durchaus gelegen, ausnahmsweise mehr als fünf Besucher in ihrem Laden verzeichnen zu können.

 

»Vielleicht schildern Sie uns erst einmal kurz die Ereignisse«, schlug Gruttners Kollege mit ruhiger Stimme vor. »Ich nehme an, die Galerie gehört Ihnen?«
»Richtig. Seit gestern stelle ich die Bilder von Ernst Radowski aus …« Sie räusperte sich. »Sie wissen schon; der umstrittene Maler, der vor einigen Jahren seine Frau im Streit erstochen haben soll. Damals wurde er freigesprochen und letzten Monat ist er an Krebs gestorben …«
Die beiden Polizisten nickten. Jeder Beamte kannte den Fall Radowski. Und jeder hatte seine  Meinung dazu.
»Bei der Vernissage am Abend war alles in Ordnung. Heute Morgen dann …« Brigitte Lacroix geriet ins Stocken. »Fingen die Gemälde an zu bluten.«
»Zu bluten?« In Gruttners Tonfall schwang mehr als Skepsis mit.
»Glauben Sie mir, ich weiß, wie sich das anhört.« Sie schüttelte quasi über sich selbst den Kopf und lächelte verkniffen. »Aber anders kann ich es nicht beschreiben.«
Einen Moment standen die drei betreten da. Draußen drückten die Schaulustigen ihre Nasen gegen das Schaufenster. Offenbar hatte jemand die Eingangstür der Galerie zugesperrt – vermutlich das schmächtige Mädchen, das sich jetzt hinterm Tresen versteckte und auf dessen Stirn das Wort »unterbezahlte Praktikantin« prangte.
Wenigstens eine Vernünftige …
»Vielleicht sehen Sie sich die Sache besser mit eigenen Augen an.« Brigitte Lacroix wies nach hinten zu den Ausstellungsräumen und ging voran.

 

»Das darf doch nicht wahr sein.« Stefan Gruttner verharrte ungläubig im Türrahmen und starrte auf die säuberlich aufgereihten Bilder an der Wand.
Sie bluteten tatsächlich. Auf ihre spezielle Art und Weise …
Dort, wo die Sonne sie traf, schmolz die Farbe und lief in kleinen dunkelroten Bächen von der Leinwand auf den Boden. Offenbar hatte der Künstler Wachs oder Ähnliches anstatt Acryl verwendet. Was jedoch nicht das Merkwürdigste war. Unter der Motivschicht, schien eine zweite Lage zu existieren. Eine mit Buchstaben beschriebene Ebene, die sich langsam aus den abstrakten Gemälden herausschälte.
»Seit wann haben Sie die Bilder?«
»Ungefähr drei Monate.«
»Gab es im Vorfeld irgendwelche Ungereimtheiten? Seltsame Vorkommnisse?«
Moment. Naja, eine Sache war da; Radowski hat verfügt, dass die Stücke erst nach seinem Tod ausgestellt werden dürfen. Und dann ausschließlich in der von ihm festgelegten Anordnung.«


Bild


Die zwei Polizisten nickten.
»Siehst du, was ich sehe?«
»Ja«, bestätigte Gruttner und las den ersten Satz auf dem ersten Bild: »Ich Ernst Radowski habe vor neun Jahren meine Frau umgebracht …«

 

Das hier war nicht merkwürdig – es war das wohl künstlerisch anspruchsvollste Geständnis aller Zeiten.

 

Daniela Herbst 02/05/2014 No Comments

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