Blasse Bilder

Lenas Augen klebten an dem Porzellaneinhorn im Regal. Seine hellblaue Patina reflektierte das Sonnenlicht und spiegelte die Schatten der Bäume draußen wider. Das hübsche Ding mit der verschnörkelten Mähne sah aus wie immer, trotzdem wirkte irgendetwas daran falsch.
Sie erhob sich von der Bettkante und trat näher. Nein, auch aus kürzerer Distanz konnte sie nicht ausmachen, woran es lag. Da war nur dieses Gefühl. Eine Art Leere, als ob das Einhorn doch nicht ihr gehörte. Ziemlich verwirrend.
Fahrig folgte sie dem Regal Richtung Tür. Staub, Bücher, Fotos, Kinokarten, Lipgloss, …

Sie ließ die Finger über die Bücher gleiten, ohne eines davon wirklich zu berühren. Keiner der Titel fiel besonders ins Auge. Da stand Harry Potter neben Twilight, Der kleine Vampir links von einem Band mit Pferdegeschichten. Momo, Tintenblut, Ronja Räubertochter, Sagen der Welt – nichts Ungewöhnliches für ein zwölfjähriges Mädchen.
Wenn überhaupt tanzte vielleicht der geheime Liebesbrief an Florian ein bisschen aus der Reihe, den sie seit November im Feuerkelch versteckte. Ihr hatte der Mut gefehlt, ihm die mit Herzchen verzierten Zeilen in die Schultasche zu stecken, aber sie wegzuwerfen kam auch nicht in Frage. Also warteten sie hier auf ihre Vergessenheit. Lena lächelte bitter, ohne zu wissen warum.

Eine lauwarme Brise blähte den Vorhang. Sie trat zum geöffneten Fenster und beugte sich hinaus. Frühling. Unten blühten die Rosenbüsche. Ihre Mutter kniete am Rand der Beete und jätete Unkraut. Ein Bild, das sie kannte, dem heute allerdings jegliche Tiefe fehlte. Nein, das war das falsche Wort; ihm fehlte Substanz.
Zur Bestätigung reckte sie die Nase in den Wind. Sie hatte sich nicht getäuscht. Die Blumen verströmten keinen Geruch. Wo die üppigen roten Gewächse sonst einen berauschenden Duft absonderten, bot die Luft kalte Neutralität. Und die Sonne? Ihr Licht wirkte trüb und ihre Strahlen schafften es nicht, Lenas Haut zu wärmen.

Sie hielt den Blick auf den kleinen Garten gerichtet. Ihre Mutter war weiterhin mit den Rosen beschäftigt, doch hatten sich ihre Bewegungen verlangsamt. Fast schon träge führte sie den Zwicker durch das Grün. Wie ein Schlafwandler durchstreifte sie die Blätter – und als sie den Kopf hob und zum Fenster blinzelte, erkannte Lena den Grund: Sie weinte.
Ein Kloß versperrte ihr den Hals. Ihre Mutter weinte; schaute zu ihrem Fenster herauf und weinte.
Stumm verließen Worte des Trostes ihre Lippen. Nun verstand sie endlich. Das hier war nicht mehr ihr Zimmer. Nicht mehr ihr Porzellaneinhorn oder ihre Bücher. Nicht mehr ihre Welt. Nicht mehr ihr Leben.
Sie war nicht mehr Lena, sondern lediglich eine blasser werdende Erinnerung. Der Schatten eines Mädchens, das einst an diesem Ort gelebt hatte.
Gestorben, doch nie vergessen.

 

Daniela Herbst 17/06/2013 No Comments

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