Bitte den Powerknopf drücken

Rainer Mansberger blickte panisch in den Lauf einer Pistole. Wäre er ein Cop aus einem amerikanischen Krimi, würde er den Gedanken mit einem Begriff wie Walther PPK oder Luger präzisieren. Klänge auch gleich wesentlich cooler; aber er war nun einmal Servicetechniker bei einem deutschen Telekommunikations-Unternehmen und hatte die Hosen gestrichen voll.
»Rufen Sie den Taskmanager auf. Anschließend beenden Sie alle aktiven Anwendungen.«
Der Mann, der ihm die Waffe gegen die rechte Schläfe drückte, hielt offenbar nicht viel von Small Talk. Was ihn nicht weiter überraschte. Schon seit Rainer vor wenigen Minuten in die Wohnung gezerrt und unsanft an den Bürostuhl gefesselt worden war, redete der Typ nur das Nötigste mit ihm. Unheimlich. Allerdings nicht halb so beunruhigend wie die kleinen Klebepads, die seitdem seinen Körper zierten und aus denen Kabel zum Rückenpolster führten. Irgendwie bezweifelte er, dass damit sein Blutdruck gemessen werden sollte.
Während er versuchte, den Kopf klarzukriegen, bewegten seine zittrigen Finger die Maus über den Bildschirm des Computers.
»Etwas schneller bitte …«
»Da sind keine Anwendungen offen, die ich beenden kann.«
Ein Stromschlag verkrampfte seine Muskeln. Er bog den Nacken nach hinten durch und biss sich auf die Zunge. Der Geschmack von Blut erfüllte seinen Mund.

Computer»Was soll das?! Lassen Sie mich sofort gehen! Hiiiiilfe!!!«
Ein weiterer Stromstoß brachte ihn zum Schweigen.
»Machen Sie es besser nicht unnötig kompliziert.« Der Mann mit der Pistole kniff ihm fest in die linke Schulter. »Konzentrieren wir uns einfach auf das Wesentliche, umso schneller sind wir hier fertig. Einverstanden?«
Rainer Mansberger nickte ein wenig benommen.
»Fahren Sie das Gerät ordnungsgemäß herunter und starten Sie es neu.«
»Alles klar.« Ängstlich führte er die nötigen Schritte auf dem Display aus, doch das Scheißteil wollte ihm nicht gehorchen. »Bitte, ich …«
Stromschlag Nummer drei riss den Satz mittig ab. Seine Zähne schlugen schmerzhaft aufeinander und seine Füße verloren kurz den Bodenkontakt.
»Versuchen Sie es ein zweites Mal.«
»Aber …« Er schluckte seinen Einwand hinunter und gehorchte.
»Und, tut sich etwas?«
»Nein, der Computer reagiert nicht.« Innerlich stellte er sich schon auf einen erneuten Stromschlag ein. Wenn er bloß noch wüsste, wie der Mann hieß. Vielleicht könnte er dann auf der menschlichen Ebene mit ihm reden. Es stand auf dem Auftragsformular. Das in seiner Tasche lag.
Der Stromschlag blieb aus.

»Haben Sie auch überprüft, ob irgendwelche Kabel lose sind und das Gerät fehlerfrei ans Stromnetz angeschlossen ist?«
»Ja. Passt. Keine Beschädigungen«, stotterte Rainer Mansberger.
»Dann drücken Sie bitte den Powerknopf.«
Der Computer schaltete sich aus. Sie saßen beide vor einem schwarzen Bildschirm.
»Und wieder an.«
Der Computer fuhr im Sicherheitsmodus hoch.
»Und Neustart.«
Die Fehlermeldung war verschwunden und alles funktionierte einwandfrei. Erleichtert atmete Rainer auf. Leider etwas zu früh, denn ein letzter Schritt stand offenbar noch aus.
»Nun aktivieren Sie das Internet.«
Die Fehlermeldung kehrte prompt zurück. Er krallte die Finger ins Polster des Stuhls.
»Wie lautet Ihre Diagnose?«
»Meine Diagnose? Tja, ich würde sagen, es liegt entweder am Router oder an einem internen Problem des Providers.«
»Das heißt, Ihre Firma ist schuld …«
»Ja, wenn Sie es so ausdrücken wollen.« Rainer Mansberger hielt die Luft an.
»Und? War das jetzt wirklich so schwer?!« Der Mann ließ die Waffe sinken.
Scheinbar hatte er die richtige Antwort gegeben.
»Ich wollte doch nur, dass mal einer von euch Kerlen zugibt, dass ihr es verbockt habt. Anstatt mich zu behandeln wie den letzten Vollidioten, der zu blöd ist, den Stromstecker einzustöpseln.«

 

Daniela Herbst 13/07/2014 No Comments

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