Bisschen übertrieben

An einem gewöhnlichen Samstag …

»Der Aushang klebt seit über einer Woche am Zaun.« Markus Wagner musste sich zusammenreißen, dass seine Stimme nicht schneidend klang. »Wir wollten vor ein paar Tagen Bescheid geben. Aber Sie waren ja nicht da.«
»Und deshalb dachten Sie, Sie veranstalten den Scheiß einfach, ohne mich zu fragen. Ich werde schon brav das Maul halten …«, schnauzte Herr Kaltenberg. Seine annähernd achtzigjährigen Falten bebten im Brustton der Empörung. »Die Einfahrt gehört Ihnen nicht allein. Eine Unverschämtheit ist das!«
»Meine Güte, wir reden von einem Garagenflohmarkt. Sie tun gerade so, als hätte ich Ihre Katze abgemurkst.«


»Brauchen Sie nicht. Erledigt bestimmt früher oder später Ihr verdammter Köter.«
»Geht das wieder los?!«
Kaltenberg schwieg, nahm ein ausrangiertes Stofftier in die zittrigen Hände, drehte es in sämtliche Richtungen und ließ es dann angewidert zurück auf den Tapeziertisch fallen. Dabei vermied er jeden Augenkontakt.
Auch als Eva-Marie mit den beiden Jungs aus dem Haus trat, zeigte er keine Reaktion.
Erst nachdem Markus´ kleine Familie hinter dem Verkaufsstand zusammengefunden hatte, hob der alte Mann den Blick. Er war trüb und durch konstant brodelnde Wut abgestumpft.

 

»Seitdem Sie hier eingezogen sind, machen Sie nur Ärger. Sie und Ihre verzogenen Bälger.« Kaltenberg sog Rotz aus den Tiefen seiner Nasennebenhöhlen und spuckte abfällig aus. »Eine Plage! Besonders der Rothaarige. Am besten gleich nach der Geburt ersäufen!«
»Was erlauben Sie sich?« Eva-Marie drückte beide Söhne instinktiv an sich, während Markus wie beiläufig vor das Dreiergespann trat und stumm zum Schutzschild mutierte.
Der siebenjährige Lennard, dem die Bemerkung gegolten hatte, streckte dem Alten beherzt die Zunge heraus. Sein jüngerer Bruder Damian untermalte das Ganze mit verblüffend echten Furz-Geräuschen. Und hinter der geschlossenen Verandatür bellte Labrador Nicky aus Leibeskräften gegen den unerreichbaren Feind an.
»Sie sollten jetzt besser gehen.«
»Nein, Sie sollten; und zwar verschwinden«, knurrte Kaltenberg. Sein Atem verströmte eine unangenehme Duftmischung aus Hühnchen und Klosterfrau Melissengeist. »Schaffen Sie den Dreck aus meiner Einfahrt oder Sie werden es bereuen.«

 

Zweifelsfrei hätte jeder der Beteiligten noch einiges zu sagen gehabt, stattdessen trennte man sich in einer Art dampfendem Waffenstillstand.
Die Wagners ergatterten dabei einen minimalen Überlegenheitspunkt, da sie vor Ort blieben, während der Feind den Rückzug antrat.
Genau genommen küsste Eva-Marie ihren Markus sanft auf die Wange. Markus, der hoffte, dass der Rest des Tages friedlicher verlief, umarmte Eva-Marie. Die beiden Jungs fischten ihrer Meinung nach fälschlich aussortiertes Spielzeug vom Verkaufstisch und lieferten sich eine Schießerei mit leeren Wasserpistolen. Nicky zu guter Letzt bellte weiter wie Zerberus persönlich, weil sie eingesperrt hinter der Verandatür hockte.
Kaltenberg seinerseits grummelte einen unverständlichen Fluch, überquerte schlurfenden Schrittes den gepflasterten Weg zu seinem Haus und schlüpfte durch das Gartentor.
Sie hörten ihn noch zweimal husten, dann konnten sie endlich anfangen, den unliebsamen Nachbarn bis zur nächsten Begegnung aus ihrem Gedächtnis zu streichen.
Ihnen blieb ohnehin wenig Zeit über den Streit nachzudenken. Von der anderen Straßenseite her näherten sich bereits die ersten Flohmarktbesucher und forderten ihre gesamte Aufmerksamkeit ein. Da wurde gelacht, gefeilscht, geplaudert und hart diskutiert; gelegentlich sogar alles parallel. Der Rubel rollte. Der Tisch leerte sich. Das Wetter hielt trotz leichter Bewölkung – und zum Glück ließ sich Kaltenberg kein einziges Mal in der Einfahrt blicken.

 

»Na bitte. Lief doch wie geschmiert.« Markus drückte Eva-Marie einen Kuss auf die Stirn und machte sich daran, die wenigen nicht verkauften Sachen in Kartons zu packen. »Damit wäre der Urlaub gesichert.«
Die Frau seines Lebens lächelte abwesend und schielte auf Zehenspitzen über seine Schulter. Irgendetwas schien vehement ihr Interesse zu wecken.
»Was treibt der Kerl da bloß?«
»Wer?«
»Na, wer wohl?! Verdammt, jetzt kommt er auch noch her. Und er hat …« Der übrige Satz verebbte in einem schrillen Schrei, der selbst Labrador Nicky kurzfristig verstummen ließ. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht und ihre Nägel krallten sich in seinen Oberarm.
Nicht zu unrecht.
Markus bekam allerdings keine Gelegenheit mehr, herauszufinden, was Eva-Marie so aus der Fassung brachte. Zumindest nicht bewusst. Denn gerade, als er im Begriff war, sich umzudrehen, spaltete ihm der alte Kaltenberg mit seiner Axt den Schädel.

 

Daniela Herbst 29/05/2013 No Comments

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