Besessen

Während die Bilder sich in rascher Folge abwechselten und die Musik in einer rauschartigen Endlosschleife lief, vergaß sie beinahe zu blinzeln. Ihre Augen klebten an seinem Lächeln. Seinem tiefen Blick und der Art, wie er den Mundwinkel hochziehen konnte. Sie hing an jedem seiner Worte, die im Einklang mit seiner rauchigen Stimme die kleinen Videos zum Leben erweckten.
»Mark …«, flüsterte sie in die Leere des Raums.
Es war dumm, aber es schien, als würde er sie hören, so wie er sie über den Bildschirm ansah. Ihr Bauch kribbelte und sie spürte dieses warme Gefühl in ihrem Nacken.
Sie lehnte sich zurück und spielte nochmal die Datei von MarkIrvingFan84 ab. Darin sprach er gebrochenes Deutsch. Seine Mutter stammte aus Berlin und er hatte es auf der Schule gelernt. Es hörte sich wahnsinnig sexy an, auch wenn er schnell wieder ins Englische wechselte, sobald ihn eine der Reporterschlampen darauf ansprach.
Obwohl sie jeden Witz und jede schräge Geste längst auswendig kannte, musste sie unwillkürlich lächeln. Es kam ihr vor, als tue er das alles nur für sie.

 

Unbemerkt hatte sich Oskar angeschlichen und streifte ihr um die Beine.
»Noch fünf Minuten …«
Hungrig maunzte der grau gestreifte Kater gegen die Hand an, mit der sie ihn wegzuschieben suchte. Er war fest entschlossen. Keine Chance. Lächelnd ließ sie sich von dem Dickerchen aus ihrer Fantasiewelt reißen.
Mark Irving würde warten.
Das tat er immer.
Unter scherzhaftem Nörgeln stand sie auf und marschierte in die Küche, wo sie eine Dose Rinderstückchen in Oskars Napf leerte und an seinen Platz stellte. Zufrieden schnurrte der Stubentiger. Sie strich ihm zärtlich übers Fell und ging zurück zu ihrem Computer.
Es glich einer Sucht, die es zu befriedigen galt. Sie brauchte das und wusste gleichzeitig, dass es nicht ewig so weitergehen konnte. Sie vernachlässigte den Kater, sie vernachlässigte ihre Arbeit und sie vernachlässigte es, zu leben.
Sie würde das früher oder später ändern müssen.
Aber nicht heute.
Mit raschen Fingern durchforstete sie das Netz nach den neuesten Informationen zu Mark. Er drehte gerade in London. Einen Mystery-Thriller, in dem er die Hauptrolle spielte. Es kursierten schon die ersten Fotos vom Set; und einige Schnappschüsse mit zumeist weiblichen Fans.
Sie seufzte und schloss einen Moment die Augen.

 

Nächste Woche.
Ja, nächste Woche würde sie nach London fliegen. Er musste endlich erfahren, dass sie beide füreinander bestimmt waren. Und das war durchaus nicht völlig egoistisch gedacht. Die Offenbarung sollte auch sein Leben maßgeblich erleichtern. Immerhin schlug er sich mit einer Ehe ohne Zukunft herum.
Sie lächelte.
Gott, sie konnte es kaum noch erwarten, bis sie ihn berühren durfte. Ihn riechen. Ihn schmecken. Mit ihm zusammen sein. Denn daran, dass er sie als seine Seelenverwandte erkannte, sobald er sie sah, bestand für sie gar kein Zweifel.
»Bald …« Ihre Finger berührten Mark Irvings Gesicht auf dem Bildschirm. Er blickte mit dem gleichen offenen Grinsen zurück wie immer.
Nächste Woche.
Ja, ab nächster Woche würde sie kein Fan mehr sein, sondern die Frau an seiner Seite.
Eine andere Alternative gab es nicht.
Für keinen von ihnen …

 

Daniela Herbst 17/08/2015 No Comments

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