Autoren unter sich

Fünf Augenpaare fixierten einander in der kleinen Hütte am See. Zwei davon trugen dunklen Lidschatten, eines hatte gewaltige Tränensäcke, drei waren unter dem Einfluss alkoholhaltiger Getränke etwas trüb und eines linksseitig blind.
»Natürlich steht er mir zu«, setzte Naomi an und schützte die Lippen. Mit ihren knappen zwanzig Jahren bildete sie das Nesthäkchen der Gruppe.
»Und was bringt dich zu dieser absurden Auffassung?!« In Bernds Stimme klang unverhohlene Arroganz durch. »Du schreibst billige Softpornos über Vampire und Gestaltwandler. Das bei Weitem Anspruchsvollste an deinen Ergüssen ist vermutlich das Impressum.«
In Naomis Stirn grub sich eine Zornesfalte.
Richard und Sally dagegen brachen in Gelächter aus.
»Das heißt Romantasy!« Spucketröpfchen schossen aus ihrem Mund. »Und die sind allemal spannender als deine dämlichen Krimis!«
»Thriller«, korrigierte Bernd. »Psychothriller, um genau zu sein.«
»Interessierte mich einen feuchten …«


Schreibtisch»Vielleicht sollten wir uns alle erst einmal beruhigen«, schlug Konrad in ruhigen Ton vor. »Kein Grund gleich persönlich zu werden.«
Wie seine weißen Haare und die Falten verrieten, war er mit Abstand der Älteste der Runde. Außerdem besaß er die meiste schriftstellerische Erfahrung.
»Das kannst du leicht sagen«, giftete Sally. »Du bist der Einzige von uns, der schon einen Roman bei einem großen Verlag veröffentlicht hat.«
»Das ist dreißig Jahre her.«
»Na und?«
»Heutzutage findest du kaum noch jemanden, der sozialkritische Dramen rausbringt – und obendrein Tantiemen dafür bezahlt.« Konrad rieb sich das Kinn. »Du erwartest hoffentlich nicht, dass ich freiwillig verzichte.«
»Fair wäre es«, mischte sich Richard ein.
Sally und Naomi nickten beipflichtend.
»Klar, dass das von dir kommt.«
»Was soll das denn heißen, alter Mann?«
»Nun seien wir mal ehrlich, mein Lieber. Du hältst deine Horrorbüchlein doch nicht ernsthaft für Literatur!?«
Richard wich sämtliche Farbe aus dem Gesicht.
»Hochtrabendes Gesülze macht ein Buch nicht automatisch besser«, kam Bernd seinem Kollegen zu Hilfe. »Du musste es auch schaffen, den Leser zu begeistern. Und tut mir leid, aber bei deiner letzten Novelle bin ich glatt eingeschlafen.«

 

»So kommen wir auf keinen grünen Zweig.« Sally band sich die braunen Locken zum Pferdeschwanz und faltete die Hände. »Was haltet ihr davon, wenn wir losen? Wer gewinnt, bekommt den Autorenvertrag.«
Konrad lächelte süffisant.
Richard und Bernd verdrehten die Augen.
Nur Naomi schien den Vorschlag akzeptabel zu finden.
»Okay, die Herren sind offenbar nicht einverstanden …«
»In deinen Kinderbüchern funktioniert das vielleicht, Liebes«, beantwortete Konrad von oben herab ihre rhetorische Frage. »Aber in der Welt der Erwachsenen sollte es einen würdigeren Weg geben, eine Entscheidung zu treffen.«
»Und wie?«, fragte Naomi schnippisch. »Abstimmen können wir vergessen. Wählt sich ohnehin jeder selbst.«
»Vernünftig argumentieren fällt auch flach«, ergänzte Richard und schickte einen scharfen Blick Richtung Konrad.
»Wie wäre es mit einer Anthologie?« Sally lächelte verhalten.
»Nun werd bitte nicht albern«, kommentierte Bernd.

 

Schweigend fixierten fünf Augenpaare einander in der kleinen Hütte am See.
Als ihnen ihr alter Bekannter Kilian das Geschenk unterbreitet hatte, war es allen wie ein Segen vorgekommen: Einer aus ihrer Gruppe erhielt einen Autorenvertrag bei seinem neu gegründeten Verlag; allerdings mussten sie selbst entscheiden wer.
Jetzt zerstörte es langsam ihr über Jahre und diverse Buchmessen aufgebautes, wackeliges Verhältnis.
»Sagt mal, weiß eigentlich noch jemand, was Kilian früher geschrieben hat?« Richard kratzte sich am Kopf und dehnte seinen Nacken.
»Keine Ahnung. Science Fiction?«, riet Naomi.
»Nein, irgendwas Intelligentes«, antwortete Konrad und kassierten einen weiteren giftigen Blick von Richard.
Einen Moment herrschte Stille.
Sally hielt sich komplett aus dem Gespräch heraus.
»Comedy«, meinte Bernd schließlich. »Er hat witzige Romane geschrieben. Manchmal Satire.« Ihm lief ein verzerrtes Lächeln über die Lippen.
»Was grinst du so dämlich?«, fragte Naomi.
»Ja, welchen Gag verstehen wir nicht?«, verlangte Sally zu erfahren.
Konrad sackte auf einen Stuhl.
Bernd zuckte die Schultern.
»Es gibt gar keinen Vertrag, oder?« Richard zog die Augenbrauen hoch.
Die beiden Frauen rissen ungläubig die Augen auf.
»Nein, ich schätze, nicht. Er wollte uns wohl bloß mal auf die Probe stellen.«

 

Daniela Herbst 04/06/2014 No Comments

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