Aufgehen

Die Leinwand triefte. Tiefes Tannengrün wurde von hellem Grau durchzogen. Dazwischen Beige und Rot und Braun. Der Schwung, der sie alle miteinander vermischte, besaß eine provokante Härte, die im krassen Kontrast zu den weichen Rändern des Bildes stand.
Er trat einen Schritt zurück. Die Farbe auf Pinsel und Haut trocknete allmählich. Er musste den nächsten Strich tun oder seinem neuen Werk ging unweigerlich die Spontanität verloren.
»Verdammt!«
Er war unsicher, trotzdem legte er die Finger mitten in einen noch feuchten Abschnitt und ließ sie langsam durch das Lila gleiten. Die leichte Grundstimmung bekam etwas Bedrücktes.
Zufrieden nahm er auch die zweite Hand zur Hilfe.
Aus seiner Berührung floss ein Stück der Energie direkt auf die Leinwand. Ein Akt, der fast schon eine erotische Komponente besaß.
Seine Bewegungen beschleunigten sich. Intensiver und impulsiver drängten die Formen aus seinem Kopf. Ein Gedanke nach dem anderen brach sich Bahn. Und seine Hände taten ihr Bestes, ihnen zu dienen. Sie zu visualisieren.


»Zur Hölle, das reicht nicht!«, stöhnte er und streifte hektisch das Hemd ab.
Mit blanker Brust warf er sich vorwärts. Kalte Nässe berührte seine Haut. Wie ein Ertrinkender ruderte er im Schatten seines Schaffensdrangs, ohne das Gefühl zu haben, auch nur in die Nähe des angestrebten Ziels zu gelangen.
Tränen liefen ihm übers Gesicht. Nicht aus Traurigkeit, sondern aus purer Wut. Er war so unfähig. So gewöhnlich. So kompromissbehaftet. Auf diese Weise würde es ihm niemals gelingen, das Meisterwerk, das in seinem Kopf bereits fertig erstrahlte, in die reale Welt zu holen.
»Nicht genug!«
Er zog nun zusätzlich die Hose aus.
»Nicht genug!«
Wie besessen zerrte er sich die Strümpfe von den Füßen und die Unterhose vom Hintern. Nackt. Er war völlig nackt.
Wie ein Neugeborenes rollte er seinen Körper auf der Leinwand zusammen. Bewegte zögernd die Arme. Dann die Beine. Sein Geschlecht schabte über den rauen Untergrund. Er küsste. Er streichelte. Er schlug. Er leckte.
Nicht genug …

 

Verzweifelt durchwühlte er den Tisch, auf dem Paletten und Pinsel gestapelt lagen. Auf dem sich Bücher, Skizzen, Papier, Lappen, Gläser und Spatel türmten. Mit den Händen grub er darin herum. Stieß Hügel zu Boden. Wie eine Maschine. Nur kurz zuckte er zurück. Etwas Scharfes inmitten von Schwämmen hatte seinen Daumen geritzt.
Fasziniert betrachtete er den roten Tropfen, der aus seinem Finger quoll.
Das war es! Keine Kompromisse.
Hart schmetterte er den linken Arm zwischen das Chaos. Dann ließ er den rechten Arm folgen. Und wiederholte das Ganze. Und wiederholte es ein zweites Mal. Und ein drittes Mal. Bis seine Handgelenke von Blut trieften.
Mit der neuen Farbe kniete er vor seinem Werk und verteilte das leuchtende Karmesin auf dem banalen Rot, dem Lila, dem Grau, dem Tannengrün, dem Beige, dem Braun. Tropfen um Tropfen. Rinnsal um Rinnsal.
Jetzt trug es den Stempel seines Schöpfers.
Geschwächt lehnte er sich zurück und lächelte. Ein Künstler muss in seiner Kunst aufgehensagte man das nicht so? Er war bereit dazu. Und er würde es auch beim nächsten Mal sein. Und beim übernächsten Mal. Egal in welchem Ausmaß. Selbst wenn das irgendwann in letzter Konsequenz bedeutete, sich gänzlich für den Willen seiner Muse aufzugeben.

 

Daniela Herbst 12/11/2013 No Comments

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