Archetyp

Irgendwo, irgendwann in einer nicht allzu fernen Zukunft …

»Gerüche sind die stärksten Erinnerungsträger, die es gibt.« Der Mann ohne Namen schob seine blau getönte Sonnenbrille hoch und griff den Mikrowellenlöter. »Wusste man früher schon.«
Levander nickte, auch wenn ihn diese Tatsache herzlich wenig interessierte. Er lauschte vielmehr auf das Summen des Lötkolbens, das klang wie ein Bienenschwarm auf Honigsuche. Zumindest nahm er an, dass Bienen einst so geklungen hatten. Die Tiere waren seit Jahrzehnten ausgestorben. Alle an diesem verdammten Super-Pestizid verreckt …
»Wie gesagt, neu ist das nicht. Aber damals fehlte den Leuten einfach die nötige Inspiration, den ganzen Scheiß zu ihrem Vorteil zu nutzen.« Der Namenlose grinste und Levander lief es eiskalt den Rücken runter. »Bis dieser Professor aus der Schweiz die Archetypischen Düfte entdeckt hat. Und siehe da, plötzlich ließ sich mit einem einzigen Partikel des richtigen Geruchs das menschliche Gehirn nach Belieben manipulieren.«
Heilige Nervensäge! Das Arschloch hörte sich anscheinend gern selbst reden. Levander stöhnte innerlich auf. Wenn ihm der Sinn nach einer Lehrstunde gestanden hätte, wäre er an der Uni vorbeigefahren. Im Hof der Harvard Munich müsste jetzt gerade das Sons of Shakespeare Theater Ensemble spielen.

 

»Ist das nicht herrlich?! Etwas Zauber-Parfum und du zwingst Leuten Empfindungen von Erinnerungen auf, die sie nie besessen haben. Und keiner kann sich dagegen wehren, weil der kranke Dreck in deinen Genen liegt. Geht wohl auf diesen C.G. Jung und sein Kollektiv Unbewusstes zu tun. Mir ehrlich gesagt zu intellektuell. Psychologie war nie mein Ding.« Der Mann mit der blauen Sonnenbrille rieb sich demonstrativ die Nase. »Ich kapier das bis heute nicht ganz. Aber ich habe genug verstanden, um mir den Geruchssinn entfernen zu lassen.«
Levander seufzte innerlich. So klang es also, wenn ein Kretin versuchte, den Zusammenhang zwischen einer Geruchswahrnehmung und einem komplizierten kognitiven Vorgang zu erklären.
»Seitdem schmecke ich übrigens auch nichts mehr. Ich …«
»Wird es funktionieren?«
»Klar.« Der Namenlose wirkte überrascht. Offenbar war es nicht gewohnt, von seinen Kunden unterbrochen zu werden. »Diese Phiole hier wird alle Menschen im Umkreis von zehn Kilometern dazu bringen, sich an ihren Tod zu erinnern. Oder unterbewusst zu glauben, sie seien gestorben – wie man es betrachten will.«
Wieder dieses abartige Grinsen.
»Ziemlicher Schock für jemanden, der sich eigentlich des blühenden Lebens erfreut. Selbst für ein gesundes Herz ist das zu viel. Der Kreislauf wird binnen Sekunden versagen.«
Levander nickte zufrieden und streckte die Hand aus.
»Und meine Bezahlung?«
Stumm warf er dem Kerl mit der blau getönten Sonnenbrille ein Bündel mit einer Million Weltdollar in unregistrierten Scheinen hin. Ein stolzer Preis für ein Parfum, doch der Idiot war auf dem Terrorismussektor einfach der Beste.
Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen verstaute Levander die Phiole in der Innentasche seines Mantels. Ihm war schlecht und kurz fragte er sich, wie der Tod wohl riechen mochte. Dann wand er dem Gedanken und der Halle mitsamt seinem irren »Geschäftspartner« endgültig den Rücken zu.

 

Daniela Herbst 14/02/2014 No Comments

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