Am Anfang waren die Worte

»Fuma!«, rief der Junge und streckte die Hände nach den züngelnden Flammen aus. »Fuma, isa hatta!«
Die Luft rund um die Feuerstelle waberte vor Hitze. Nomo rückte näher an das Kind heran und strich ihm eine schweißnasse Strähne aus dem Gesicht.
»Mi bede broom«, flüsterte der Kleine und schmiegte sich in die Berührung. Ihm fielen fast die Augen zu, während er zu ihm aufblinzelte.
»Broom? Da mada Hamida?«, fragte Nomo sanft.
Der Junge schüttelte den Kopf. Nein, er wollte noch nicht nach Hause. Seine Neugier auf die Welt war offenbar stärker als seine Müdigkeit. Ihm gefiel es hier draußen. Die Umgebung förderte den Entdeckergeist in ihm – und diesen Impuls sollte man keinesfalls unterbrechen.
»Was isa ha fufa Fleege?« Etwas ängstlich deutete sein Schützling auf einen Vogel, den er selbst unter der Bezeichnung Kackaloo kannte.
Das Tier saß in einer Baumkrone fünf Meter über ihnen und rief Botschaften in Nacht hinaus. Das braun-weiß gescheckte Gefieder verschmolz mit der Rinde des Stamms, sodass die orange leuchtenden Augen umso unheimlicher aus der Dunkelheit hervorleuchteten.
Nomo schwieg und lächelte. Er war gespannt, welchen Namen der Junge wählen würde. Rund zweitausend Worte umfasste seine Sprache bereits und er zeigte ein enormes Maß an Kreativität. Speziell, sobald es darum ging, verschiedene Begriffe zu kombinieren. Auch eine lockere Form der Grammatik beherrschte er.



»Tagateela!«, stieß er plötzlich hervor.
Schneebedecktes Holz.
Nicht ohne Stolz nickte Nomo und wiederholte: »Tagateela.« Der Klang gefiel ihm. Weicher als sein Kackaloo und um so vieles passender. Ein hervorragender Name. Vielleicht übernahm er ihn sogar.
Er seufzte innerlich.
Bald würde das Kind ihn nicht mehr brauchen. In weniger als einem Jahr war seine Grundentwicklung abgeschlossen und damit der Punkt erreicht, es in die Gesellschaft zu integrieren. Die kompromisslose Freiheit endete. Das Individuum musste sich dem Einfluss öffnen und seine Sprache zu einem gewissen Teil der Allgemeinheit anpassen. Restriktion zugunsten der Kommunikation.
Nomo fröstelte. Er fand den Moment, in dem ein Schüler ging, jedes Mal aufs Neue bitter. Aber das gehörte dazu, nicht wahr?
Obwohl seine Welt der Überzeugung war, dass ein Geist, der eines Tages Großes vollbringen soll, zu Beginn keiner Beschränkung unterworfen sein darf, respektierte sie zugleich die allumfassende Bedeutung des Austauschs.
»Da bisa tara?«, fragte ihn der Junge und Nomo fühlte sich ertappt.
Ja, er war traurig. Doch das würde er ihn nicht wissen lassen; denn dies brächte die Notwendigkeit einer Erklärung mit sich.
Er schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. Darin lag die besondere Herausforderung des Lehrens: Den Schüler zu unterstützen, ohne ihn zu sehr zu beeinflussen. Weder in seiner Sprachfindung, noch in der Art, die Welt zu erleben und Erlebnisse einzuordnen. Ihm Emotionen vorzuleben, ohne seinem Denken eine Richtung aufzuzwingen. Ihn zu loben, ohne ein Bedürfnis danach zu wecken. Ihn voranzubringen, ohne seinen ureigenen Lernwillen zu beschneiden.

 

»Na«, flüsterte er sanft und schüttelte zur Bekräftigung den Kopf.
Das Kind sah ihn eine Zeit lang prüfend an, dann schien es überzeugt und lächelte.
Der Tagateela im Baum über ihnen heulte auf und schwang sich in die Nacht hinaus. Seine Flügelschläge brachten die Flammen zum Tanzen.
»Mi mada Hamida«, sagte der Junge leise. »Mi bede galata broom.«
»Haja, wede lofa Hamida.«
Sie erhoben sich langsam von ihrem Platz auf der Lichtung und löschten das Feuer. Es war spät geworden. Die Müdigkeit forderte ihr Recht und sie brauchten beide dringend ein paar Stunden Schlaf.
Während sein Schützling ihn bei der Hand griff, dachte er über all diejenigen nach, die er vor ihm unterrichtet hatte. Und an all diejenigen, die nach ihm kommen würden. Und zuletzt an all seine vergangenen und zukünftigen Namen.
Nomo gefiel ihm bei Weitem am besten.

 

Daniela Herbst 19/10/2015 No Comments

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