Alter Ego

Zögernd schritt er durch die Straßen seiner Stadt, die ihm seit rund vier Jahrzehnten ein Zuhause gewesen war. Dabei lächelte er emotionslos und sog ihren typischen Duft nach Asphalt mit einem Hauch Brot tief in die Lungen ein. Das Gewicht der Waffe verlieh ihm eine leicht gebeugte Haltung. Er trug sie erstmals hinten am Rücken, anstatt in seinem ledernen Holster. Eingeklemmt unterm Gürtel.
Flüchtig betastete er das kalte Metall. Ungewohnt die Pistole dort zu spüren. Aber so kam es ihm einfach richtiger vor. Es war schließlich kein Tag wie jeder andere – das musste er auf seine eigene Weise würdigen. Still und leise, dennoch klar.


Markus lehnte sich zurück und atmete kräftig aus. Der letzte Romanabsatz hatte ihn Kraft gekostet. Seufzend ließ er die Fingerknöchel knacken. Eine derartige innere Anspannung hatte er seit den vergangenen sieben Bänden nicht mehr empfunden.
Etwas widerwillig legte er den Kugelschreiber beiseite.
Ein Grinsen lag ihm auf dem Gesicht. Wenn seine Autorenkollegen ihn jetzt sehen könnten; mit Stift und Block wie in grauer Vorzeit, als die Leute noch keine Laptops kannten. Wann hatte er zuletzt auf die Errungenschaften der modernen Technik verzichtet? In der Grundschule? Egal, es fühlte sich gut an, Buch acht auf diese besondere Art zu verfassen. 
Schnell verschlang er das halbe Brötchen, das als trauriger Überrest vom gestrigen Frühstück auf dem Fensterbrett vor sich hingammelte. Er kaute, verzog leicht angewidert den Mund und spülte das matschige Ding mit abgestandenem Eistee hinunter. Dann widmete er sich wieder seinem Protagonisten.

 

War die Straße heute eine Spur grauer als sonst? Und blies der Wind ein wenig schärfer zwischen den Mauern hindurch? Vermutlich nicht. Die Hände in den Hosentaschen schritt er über das Kopfsteinpflaster. Wahrscheinlich wirkte die Welt automatisch feindlicher, wenn man seinen eigenen Tod nahen fühlte.
Einbildung? Nein, Instinkt.
Rund zehn Jahre als Privatdetektiv hatten seine Sinne geschärft.
Er war zu weit gegangen. Zu tief in einen Sumpf eingetaucht, aus dem es kein Auftauchen mehr gab. Hatte zu viele Fragen gestellt und zu viele Antworten bekommen.

 

In Markus´ Magen ballte sich eine kalte Kugel zusammen. Der Stift in seiner Hand wurde glitschig und ein Krampf tobte zwischen Fingern und Schulter. Hektisch schüttelte er die Linke aus. An dieses mechanische Schreiben musste man sich auch erst mal gewöhnen.
Bedächtig massierte er das verschwitzte Fleisch. Sein Blick schweifte in die Ferne. Noch zwei Stunden bis Lena und die Kinder hier einmarschierten. Massig Zeit. Er schluckte. Aber das half kein Stück. Er kam nicht umhin, seinen Protagonisten heute zu töten. Jetzt. Sofort. Daran führte kein Weg vorbei. Alles andere mündete nur in unnütze Verzögerungstaktiken. Jede Faser seines Körpers wusste das.
Also zwang Markus den Stift wieder aufs Papier.

 

Ein Schuss zerfetzte die dumpfe Geräuschkulisse. Eisige Hitze durchdrang seine Brust.
Sie hatten auf ihn geschossen. Die Erkenntnis wehte emotionslos durch seinen Verstand.
Er versuchte noch, nach der Waffe zu greifen, doch ihm fehlte die Kraft. Mitten in der Bewegung sank er auf die Knie und glitt seitlich auf das harte Grau der Straße. Blut tränkte sein Hemd. Er betastete die Stelle. Der Stoff saugte die kostbare Flüssigkeit regelrecht aus seinen Adern. Und mit ihr seine Sinne.
Leise. Dumpf. Neblig.
Er wurde müde und die Welt langsam schwarz.

 

»Scheiße.«
Markus warf den Stift weg und hielt sich den Arm. Ein stechender Schmerz nahm ihm für einige Sekunden komplett die Luft. Ihm standen Schweißperlen auf der Stirn und er war nahe daran, auf den Teppich zu kotzen.
Er hatte einen Herzinfarkt.
Seltsamerweise machte ihm der Gedanke keine Angst.
Er wusste, dass seine Chancen auf Rettung gegen null tendierten. Trotzdem schloss er ruhig die Augen und atmete im Rhythmus der Schmerzwelle. Vielleicht ließ sie ihm Gelegenheit, sein Handy zu erreichen. Oder zu schreien. Oder …
Nein.
Die Welle trug ihn mit sich. Mit in die Dunkelheit.

 

Daniela Herbst 26/09/2013 No Comments

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