Alles und nichts

Wie jeden Morgen außer Sonntag wurde Achim Karlinder um neun von seinem Lichtwecker aus den Federn befördert. Und wie immer fiel es ihm erstaunlich leicht, aus der Seidenbettwäsche zu schlüpfen. Vielleicht weil ein per Zeitschaltuhr vorgewärmtes Bad auf ihn wartete. Vielleicht auch, weil ihn die Aussicht auf eine Dampfdusche lockte. Wer wusste das schon so genau?
Jedenfalls startete er wohlgelaunt, hellwach und ein ausgiebiges Reinigungsritual später zudem gepflegt in die anstehende Woche. Das Ganze gesanglich unterstützt von Bruno Mars, der aus den integrierten Lautsprechern seiner neuen Anlage erklang. Ein geniales Hightech-Spielzeug, das es ihm erlaubte, in jedem Raum der etwa hundert Quadratmeter großen Eigentumswohnung Musik zu hören.

 

Geld_ScheineWährend er die Melodie von The Lazy Song mitbrummte, stieg er in seine aktuelle Lieblingsjeans – eine Diesel in stonewashed, die er mit einem klassisch geschnittenen Hemd von Dolce & Gabbana kombinierte. Nach einem Blick in seinen überquellenden Kleiderschrank ergänzte er beides mit einem schwarzen Joop-Gürtel und italienischen Lederschuhen.
Selbst auf die Gefahr hin arrogant zu wirken; er fand sich ziemlich heiß in dem Outfit. Wobei er mit seinem Aussehen ganz allgemein Glück gehabt hatte. Er war jung, groß, sportlich und besaß markante Gesichtszüge. Ein freches Zwinkern aus dem Spiegel unterstrich Achims Einschätzung. Jemand wie er konnte die Welt erobern. Also theoretisch …

 

Fast ohne es zu merken, war er an der Eingangstür angelangt. Ein Moment, der ebenfalls zu den täglichen Ritualen zählte. Doch diesmal würde er es schaffen. Hundertprozentig … Er atmete tief ein und streckte die Hand zur Klinke aus. Konzentration. Er fühlte den Schweiß auf seiner Haut ausbrechen, noch ehe die Krämpfe im Magen einsetzten. Zehn Zentimeter.
Verdammt! Als hätte er sich verbrannt, zog er ruckartig die Finger zurück. Nein, er konnte nicht. Unmöglich. Die vertraute Angst lähmte seinen Körper. Er würde die Wohnung heute wieder nicht verlassen.
Aber das machte nichts. Vielleicht gelang es ihm morgen. Oder übermorgen. Er nickte. Nach mittlerweile rund zwölf Jahren, spielten ein oder zwei Tage mehr nun wahrlich keine Rolle.

 

Daniela Herbst 14/07/2015 No Comments

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