Abschied in Prosa

Irgendwo an einem Schreibtisch …

»Das kannst du nicht machen!«
»Selbstverständlich kann ich und je länger du mich belaberst, desto grausamer wird dein Abgang.«
Ein verstörtes Gurgeln erfüllte den Raum.
»Bitte erschieß mich nicht …«
»Soll ich dir stattdessen ein Messer in die Brust rammen? Oder dich vor einen Bus schubsen?«
»Warum lässt du mich nicht einfach leben?«
»Bedaure, diese Option steht nicht zur Debatte.«
»Aber …« Aus dem Gurgeln wurde ein Röcheln. »Ich dachte, du magst mich.«
»Das ist doch völlig irrelevant!«
»Für mich nicht.«
»Es spielt keine Rolle, okay?! In wenigen Minuten hörst du ohnehin auf, zu existieren.«
Das Röcheln verblasste zu einem Wimmern.
»Wieso?«

Zwei schlanke Arme klammerten sich an den Schreibtisch vor dem Fenster. »Ich muss mich vor dir nicht rechtfertigen.«
»Ach nein?! Du spuckst auf unsere Beziehung. Willst mich kaltblütig umbringen. Und da meinst du nicht, ich hätte zumindest eine Erklärung verdient?«
Zur Antwort erklang ein gequältes Seufzen.
»Also schön. Falls es dir hilft, Frieden mit der Welt zu schließen: Du bist ein widerliches, sadistisches Schwein. Ein kranker Killer, der siebzehn Leute auf dem Gewissen hat und sich damit auch noch brüstet. Du säufst, du fluchst, du kokst und massakrierst, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Ganz zu schweigen von den perversen Spielchen, die du nachts in deinem Keller zelebrierst!«
Amüsiert lachte der Angesprochene auf.
»Das war´s? Darum veranstaltest du diesen Zirkus? Wegen ein paar Leichen und mäßig schlechten Angewohnheiten?«
»Reicht das etwa nicht?!«
»Nicht wirklich Schätzchen … und das weißt du.«
»Nichts weiß ich!«
Beige lackierte Fingernägel krallten sich in Buchenholz.
»Dann will ich deinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen, Süße: Wir sind ein Team! Du und ich. Zwei Seiten einer Münze, die nach Blutvergießen lechzt!«
Betretenes Kopfschütteln.
»Hand auf Herz! Du liebst den Rausch, mir bei meinen Verbrechen zuzusehen. Mich zu beobachten, wie ich die Grenzen der Menschlichkeit zerbreche. Es macht dich scharf, die Angst meiner Opfer zu riechen und auf ihren letzten, röchelnden Atemzug zu warten …«
»Halt den Mund!«
Für Sekunden herrschte Stille, dann schwebten fast bedauernd vier leise Worte durchs Zimmer: »Lass es uns beenden.«
»Verdammt, es ergibt keinen Sinn, mich zu erschießen! Wir beide könnten noch jahrelang Spaß miteinander haben …«
»Hör´ auf zu betteln. Das passt nicht zu dir.«
Eine Träne benetzte die olivfarbene Schreibunterlage.
»Genauso wenig wie eine Kugel im Kopf! Nennst du das etwa ein glaubwürdiges Ende? Meinst du, deine Leser wollen mich so krepieren lassen?!«
»Das ist mein Roman! Und in meinen Romanen bin ich Gott. Und wenn es Gott gefällt, dir mit einer 38er das Hirn aus dem Schädel zu pusten, dann wird sie es tun!«
Mit einem hohlen Pling fuhr der Laptop aus dem Stand-by-Betrieb. Das Klappern der Tastatur ertönte und allmählich füllte sich der Bildschirm mit Buchstaben. 

 

Kapitel 36
(…)
Von einem missgünstigen Schicksal gelenkt, durchbohrte das zweite Geschoss seine Brust. Wie konnte die Schlampe es wagen, mit einer 38er bei ihm aufzukreuzen?! Er wollte sie fragen, aber seine Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Wie der Rest seines Körpers.
Schlaff sackte er in die Knie und stöhnte auf  halb aus Schmerz, halb aus Empörung. Nie hätte er damit gerechnet, von einer Frau ins Jenseits befördert zu werden. Doch nun stand sie über ihm, die Waffe auf sein Gesicht gerichtet und sah ihm beim Sterben zu. Genoss die finalen Atemzüge des Monsters, das sich ihre Schwester ins Kellerverlies geholt hatte.
Zwei zum Preis von einer … Der Gedanke war schlicht zu verlockend gewesen. Keuchend verfluchte er seine Überheblichkeit.
»Wo ist sie?«
Er lachte.
»Du kommst zu spät …« Feine Blutfäden liefen sein Kinn hinunter. »Viel zu spät!« Grinsend leckte er sich über die Lippen, ehe er endgültig zusammenbrach und seine Welt in Schwärze versank. 

 

Daniela Herbst 10/12/2014 No Comments

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